Radiokolleg
Ungarn - Eine Spurensuche
Vom Gehen
19. Oktober 2026, 09:05
Vier Frauen einer Familie führen durch fast hundert Jahre ungarischer und europäischer Geschichte: Von Siebenbürgen im heutigen Rumänien über das kommunistische Budapest und den Eisernen Vorhang bis in ein Ungarn, das 2026 erneut vor einem politischen Neuanfang steht. "Ungarn - Eine Spurensuche" ist eine persönliche Reise durch ein Land zwischen Aufbruch und Beharrung, nationaler Identität und europäischer Zugehörigkeit. Die Journalistin Mari Lang folgt den Spuren ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter und fragt dabei weniger, woher ihre Familie kommt, als wohin sich diese Nation bewegt.
Die Geschichte Ungarns zeigt eindrücklich, wie große politische Entscheidungen in das Leben einzelner Menschen hineinreichen: Grenzen werden verschoben und aus Ungarinnen und Ungarn werden plötzlich Minderheiten. Systeme entstehen und verschwinden, während Menschen sich in ihnen einrichten müssen. Der Eiserne Vorhang trennt Familien und Lebenswelten, die Europäische Union öffnet Grenzen, und trotzdem bleibt die Frage nach Ost und West.
Ein vergilbtes Foto führt nach Gernyeszeg, einen kleinen Ort in Siebenbürgen. Hier kommt Mari Langs Urgroßmutter 1910 zur Welt - als Ungarin in einer Region, deren Grenzen sich im Laufe ihres Lebens mehrmals verschieben. Als sie in den 1940er-Jahren, nach dem frühen Tod ihres Mannes, mit ihrer Tochter nach Budapest geht, wandert sie streng genommen nicht aus. Denn Nordsiebenbürgen gehört damals für kurze Zeit wieder zu Ungarn. Sie geht, weil sie sich in der Hauptstadt Arbeit und ein besseres Auskommen erhofft.
Fast hundert Jahre später gehen Ungarinnen und Ungarn noch immer dorthin, wo sie sich bessere Chancen versprechen. Nur ist der Radius größer geworden. Seit dem EU-Beitritt 2004 sind Wien, München oder London ohne Eisernen Vorhang erreichbar. Viele arbeiten im Ausland und führen ein Leben zwischen zwei Ländern. Wann wird aus Gehen eigentlich Weggehen?
Die Spurensuche führt zurück nach Siebenbürgen. Rund eine Million Angehörige der ungarischen Minderheit leben heute in Rumänien. Viktor Orbán hat sie mit Staatsbürgerschaften, Förderungen und seiner Politik der nationalen Zusammengehörigkeit eng an Ungarn gebunden. Auch entfernte Verwandte Mari Langs besitzen zwei Pässe und sprechen im Alltag Ungarisch. Ins "Mutterland" ziehen wollen sie trotzdem nicht.
"Vom Gehen" erzählt deshalb auch vom Bleiben: Von Menschen, die aufbrechen, weil sie anderswo mehr Möglichkeiten sehen, und von jenen, die gehen konnten und sich bewusst dagegen entscheiden. Was macht einen Ort zur Heimat? Und wie weit muss man gehen, um sie hinter sich zu lassen?
Gestaltung: Mari Lang
