Christine Nöstlinger

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Schwerpunkt

Zum 90. Geburtstag von Christine Nöstlinger

Am 13. Oktober 2026 hätte Christine Nöstlinger ihren 90. Geburtstag gefeiert - ein Anlass, ihr Werk gebührend zu würdigen und ihre Bücher (neu) zu entdecken. Sie war eine der großen Erzählerinnen der österreichischen Literatur zur Welt. Für ihre Leser:innen erscheinen zahlreiche Neu- und Wiederveröffentlichungen, unter anderem von "Maikäfer, flieg!", "Lumpenloretta" sowie der Sammelband "Echt Franz".

Mit der "feuerroten Friederike" begann 1970 eine außergewöhnliche literarische Laufbahn: Mehr als 150 Bücher schrieb Christine Nöstlinger und wurde damit zu einer der wichtigsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen im deutschen Sprachraum.

Es ist Jahre her.

Ich durfte bei einer Lesung neben Christine Nöstlinger auf der Bühne sein. Sie hat die Lesung so begonnen:

„Es gibt gscheite Erwachsene, und es gibt blede Erwachsene.
Es gibt gscheite Kinder, und es gibt blede Kinder.
Die Bleden können net zuhören.
Ich hoffe, ihr gehörts nicht zu den Bleden.“

Es war dann beeindruckend still im Saal.

Zwei lange Besuche im Hause Nöstlinger

Ich hatte immer großen Respekt vor Christine Nöstlinger. Sie war im Gespräch direkt und kritisch, grantig und humorvoll, mürrisch und warmherzig - und all das auf unvergleichliche Art und Weise gleichzeitig.

Ich kann mich an zwei lange Besuche im Hause Nöstlinger erinnern. Vor vielen Jahren habe ich Ernst Nöstlinger, Christines Ehemann, besucht, für die Reihe „Damals war ich vierzehn“, die regelmäßig in der Sendung „Zickzack“ auf Ö3 zu hören war. Ernst Nöstlinger hatte sein Buch Martin Wimmer und der totale Krieg veröffentlicht, ein Buch über Burschen, die mit 14 Jahren unfreiwillig aus der Schulklasse herausgeholt werden und als FLAK-Helfer bei der Fliegerabwehr Kriegsdienst versehen müssen. Viele von ihnen haben den Krieg nicht überlebt.

Ernst Nöstlinger hat von seinen Erlebnissen erzählt - und Christine Nöstlinger hat zugehört.

Viele Jahre später saß ich wieder bei dem Ehepaar Nöstlinger. Dieses Mal hat Christine Nöstlinger erzählt, für die Ö1-Porträtreihe Menschenbilder, und Ernst Nöstlinger hat zugehört. Wieder war auch der Krieg ein Thema. In ihrem Buch "Maikäfer flieg" erzählt Christine Nöstlinger sehr eindrücklich von einer Kindheit in schwierigen Zeiten. Sie erzählte auch in der Sendung sehr offen von ihrer schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, von ihren Anfängen als Schriftstellerin, von ihren Zweifeln bei der Arbeit an Texten.

Christine Nöstlinger

APA/GEORG HOCHMUTH

Christine Nöstlinger-Bücher klangen anders

Als 1970 ihr erstes Buch erschien, Die feuerrote Friederike, da war ich zehn Jahre alt - und ich liebte das Buch. Christine-Nöstlinger-Bücher - das spürte ich schon als Kind - klangen anders als die Bücher, die ich sonst kannte. Sie hatte einen neuen Ton ins Kinderbuch gebracht. Alles klang rauer, direkter, das Süßliche war weg, das in anderen Geschichten spürbar war. Da ging es plötzlich nicht um eine Prinzessin und einen Prinzen im Märchenland, da ging es um Mädchen und Burschen aus dem Gemeindebau. Die Wirklichkeit hatte nichts Märchenhaftes - und dennoch war das Wunderbare möglich. Es wurden Freundschaften geschlossen, Vorurteile abgebaut, Erfindungen gemacht …

Ihre Protagonisten haben es oft nicht leicht, aber sie wissen sich zu wehren und lassen sich nicht kleinreden oder verbiegen. Und - das Gute ist immer denkbar und lebbar, auch in schwierigen Verhältnissen. Kein Wunder, dass Christine Nöstlinger sich bei SOS Mitmensch und in vielen anderen Bereichen engagiert hat.

Eine Kerze für Christine Nöstlinger

Wer für Kinder schreibt, glaubt an eine gerechte Welt und an eine lebbare Zukunft. Der Musiker Stefan Heckel hat mir eine schöne, wahre Geschichte erzählt. Sein Sohn las auf einer Reise ein Buch von Christine Nöstlinger. Als er erfuhr, dass sie gestorben ist, wollte er unbedingt in die nächste Kirche, um eine Kerze für sie anzuzünden. Eine Kerze für Christine Nöstlinger. Das ist eine schöne Geste.

Ich werde an ihrem Geburtstag eine Kerze für Christine Nöstlinger anzünden und mich bei ihr für viele wunderbare Bücher bedanken. Ich möchte - ganz im Stillen - das Gespräch mit ihr suchen und hoffe, dass ich dann nicht „zu den Bleden“ gehöre.
Ich werde zuhören.

Gestaltung

  • Heinz Janisch