Grab eines kleines Kindes mit Luftballon und kleinen bungen Bällen

APA-IMAGES/DPA/MARTIN SCHUTT

Punkt eins

Sternenkinder: Gleiche Rechte für alle Mütter

Kleine Geburt, Stille Geburt - Aufklärung, Sichtbarkeit und Unterstützung für Eltern frühverstorbener Kinder. Gäste: Monika Romaniewicz, Obfrau des Vereins Rechte für Sternchenmamas, Juristin & Claudia Turek, Obfrau des Vereins Regenbogen, einer Selbsthilfegruppe. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Es braucht mehr Schutz und Unterstützung für Frauen nach einem Schwangerschaftsverlust, darüber herrscht politisch Einigkeit. Denn so, wie die Rechtslage derzeit ist, kann sie nicht bleiben; darauf weisen Betroffene seit Jahren hin. Doch nach Arbeitsgruppen, Maßnahmenpaketen und Petitionen streiten nun die Ministerinnen über ihre jeweiligen Vorschläge und Betroffene bleiben weiter allein gelassen mit einem der großen Tabus in unserer Gesellschaft.

Bei einem Gewicht von 500 Gramm liegt derzeit die gesetzliche Grenze, die nicht nur zwischen den Behördenbegriffen "Fehlgeburt" und "Totgeburt" unterscheidet, sondern auch über Rechtsansprüche und Hilfen für Mütter. Was das konkret bedeutet, musste Monika Romaniewicz am eigenen Leib erleben. In der 20. Schwangerschaftswoche war die Fruchtblase völlig überraschend geplatzt. Ihr erstes Kind, Alex, ein Sohn, starb, noch ehe er das Licht der Welt erblickt hatte. Ab der 12. Schwangerschaftswoche können, danach müssen Schwangere ihre Babys gebären. 48 Stunden lag Monika Romaniewicz in den Wehen. Eine Stille Geburt, doch wie bei jeder Geburt waren Wochenbett und Rückbildung angesagt, aber das Gesetz gewährt keinen Mutterschutz, denn Alex wog weniger als 500 Gramm. Nur, wenn das Kind bei einer Stillen Geburt über 500 Gramm wiegt, haben Frauen Anspruch auf Mutterschutz. Bei einer so genannten Kleinen Geburt unter 500 Gramm bleibt der Mutter allenfalls der Krankenstand.

Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) will Frauen nach einer Fehlgeburt eine bezahlte "Trauerzeit" ermöglichen, gestaffelt nach Schwangerschaftswochen. ÖVP-Familienministerin Claudia Plakolm will den Mutterschutz ausweiten, gestaffelt nach Schwangerschaftswochen. Auch anderer Ressorts sind involviert, es geht auch um sensible Argumente, wie die Sorge, eine Ausweitung des Mutterschutzes könnte die Abtreibungsrechte einschränken, und ein Kompromiss der Ministerinnen ist noch nicht in Sicht.

Laut Schätzungen - Fehlgeburten werden nicht erhoben - enden in Österreich 20 bis 30 Prozent der Schwangerschaften verfrüht, die meisten im ersten Drittel. Drei Monate, 12 Wochen, gelten als eine Art magische Grenze: Ab dann lässt die "gute Hoffnung" den Gedanken gar nicht zu, dass eine Schwangerschaft ein jähes Ende finden kann; dass ein Baby im Mutterleib sterben kann, auch kurz vor der Geburt, ohne medizinische Ursache, auch während der Geburt, all der medizinischen Hilfe und der eingesetzten Geräte zum Trotz. Sternenkinder werden diese Babys genannt, unabhängig von ihrem Geburtsgewicht und der Behördenbezeichnung als "Fehlgeburt" oder "Totgeburt", in Anlehnung an ein Zitat aus "Der Kleine Prinz" des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupery: "Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es Dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können." Sterneneltern nennen sich die Eltern.

Nach der Stillen Geburt ihres Sohnes gründete Monika Romaniewicz den Verein "Rechte für Sternchenmamas" sowie die Bürgerinitiative "Mut zeigen", um gesetzliche Verbesserungen bei Schwangerschaftsverlusten zu unterstützen. Dem Verein geht es auch grundlegend darum, "die österreichische Gesellschaft sowie die Politik und den Gesetzgeber über das Thema der kleinen Geburt aufzuklären und dieses zu enttabuisieren."

Sätze wie "Dann kriegst du halt ein anderes Baby". "Die Zeit heilt alle Wunden". Begriffe wie "Organabfall" oder "Fehlgeburt", Fragen der Ärzteschaft wie "Wollen Sie Ihr Kind sehen", die implizieren, den Anblick solle man sich ersparen - das Thema braucht Aufklärung und Sichtbarkeit, sagt Claudia Turek, Mutter von drei Sternenkindern und drei gesunden Kindern und Obfrau des Vereins Regenbogen, der ein breites Hilfsangebot für Eltern bietet, deren Babys durch Fehlgeburt, Abtreibung, Totgeburt oder kurz nach der Geburt verstorben sind.

Claudia Turek und Monika Romaniewicz sind Gäste bei Barbara Zeithammer und erzählen, wie man Erinnerungen schaffen kann, wo nur wenige sind, was ihnen aus der Trauer zurück in ein glückliches Familienleben geholfen hat, wofür und warum sie sich in den Vereinen engagieren und was sie sich von den Mitmenschen, der Gesellschaft und der Politik wünschen bzw. erwarten, wenn über Sternenkinder und Sterneneltern gesprochen wird.

Wie immer in Punkt eins sind Ihre Erfahrungen und Fragen sehr willkommen unter 0800 22 69 79 oder unter punkteins (at) orf.at

Service

Anlaufstellen für Sterneneltern

Rechte für Sternchenmamas

Selbsthilfegruppe Verein Regenbogen

Nanaya Zentrum für Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern

Verein Pusteblume

12 Wochen - Hebammenwissen bei frühem Schwangerschaftsverlust, österreichweit

Begleitheft des Vereins Pusteblume für Fachpersonen

Einige Projekte für die Erinnerung an Sternenkinder und Unterstützung für Sterneneltern:

VergissMichNicht - Sternenkindfotografie in Vorarlberg

Die Vorarlberger Initiative Sternenbänkle macht Sternenkinder in allen Gemeinden des Bregenzerwaldes sichtbar.

Zahlreiche Initiativen nähen, stricken und häckeln Deckchen und Kleidung für Sternenkinder; der Verein Pusteblume beispielsweise sammelt ehrenamtlich genähte Einschlagdecken und Erinnerungsstücke.]

In zahlreichen Kirchen österreichweit finden Gedenkmessen für verstorbene Babys statt, zum Beispiel in Wien.

Sendereihe

Gestaltung