APA-IMAGES/AKG-IMAGES/BRIGITTE HELLGOTH
Tonspuren
In Memoriam: Joachim Lottmann
Der selbsternannte "Erfinder der Popliteratur" Joachim Lottman ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit am Sonntag im Alter von 70 Jahren in einem Wiener Hospiz.
27. Oktober 2026, 16:05
Joachim Lottmanns anfangs verrissener Debütroman aus 1987 "Mai, Juni, Juli" wurde 16 Jahre nach Erscheinen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einem der wichtigsten deutschen Bücher der letzten 20 Jahre gekürt: Dieser Roman sei "der Anfang von vielem, großem, schönem, lebensgenauem, was in den neunziger Jahren zu erleben und zu lesen war".
Mehr als ein Dutzend Bücher hat Lottmann geschrieben, teils gnadenlose, teils diffamierende Abrechnungen mit der Gesellschaft und dem Kulturbetrieb. Er scheute sich nicht, Namen zu nennen. Manch Freundschaft ging dabei zu Bruch. Der Autor mit Hang zur Selbstinszenierung nahm es dabei mit der Wahrheit nicht immer ganz genau. "Alles neu erfinden, alles umlügen, dass sich die Balken biegen, aber so verblüffend intim, dass es jeder glaubt", schrieb er.
Seit Anfang 2026 dokumentierte Lottmann unter dem Titel "Langweiliges Tagebuch" seine Krebserkrankung im Internet, sein Hoffen und Bangen. "Sterben ist langweilig", schrieb er darin. "Man fährt mich zum Röntgen. Das Wasser ist noch immer in der Lunge. Ich kann nicht mehr atmen, nicht mehr denken. Nur noch schreiben."
Am Ende seines Lebens kam Lottmann zu der Erkenntnis: "Mir ist jetzt erst klar, dass ich ein außergewöhnlicher Mensch gewesen bin." Die "Tonspuren" haben den Autor im Jahr 2013 mehrmals getroffen und ein Porträt gestaltet.
(APA, red.)
"Von der Wiege bis zur Bahre Stress und Alkohol"
Der Schriftsteller und "Borderline-Journalist" Joachim Lottmann
Feature von Claudia Gschweitl
ORF 2013
Service
Doku und Stories-Podcast abonnieren
