Apropos Klassik
Vom Derwisch zum Guru
Sergiu Celibiaches Lebensreise
31. Oktober 2026, 15:05
Es begann 1945, als die Berliner Philharmoniker einen Musikstudenten zu ihrem Interims-Chefdirigenten bestellten: den so unbekannten wie unerfahrenen Sergiu Celibidache. War der gebürtige Rumäne mit der Dompteur-Attitüde, der Filmstar-Statur und dem gegelten Schwarzhaar Scharlatan oder Genie? Erst nach sieben Jahren löste ihn Wilhelm Furtwängler de iure wieder ab; die RIAS-Mitschnitte mit Celibidache am Pult: eine Fundgrube mit viel überraschendem Repertoire. Dass nicht er, sondern Karajan Furtwängler-Nachfolger bei den "Berlinern" wurde, schlug Sergiu Celibidache in die Flucht. Rührte daher sein Kollegen-Komplex, der wiederholt zu verbalen (und in der Presse genüßlich breitgetretenen) Rundumschlägen führte? Er hatte sich mit "Minderem" zu begnügen, graste zunächst die italienischen Radioorchester ab, konnte maximal in Stockholm oder Madrid Fuß fassen, nie in den internationalen Musikzentren. Und dennoch: die Live-Aufnahmen - genießerisch ausgekostet, mit extremistischen Ausritten, wenigem, das kalt ließ - wurden zu Sammlerstücken. Also doch "Genie"?
60 musste "Celi" werden, bis Paris und Stuttgart riefen - immer die Radio-Symphonieorchester, denn Plattenaufnahmen verweigerte er konsequent, als entstellend und kunstfremd. Nun wuchs das "Magier"-Image rund um den praktizierenden Zen-Buddhisten, der die tonale Moderne so vielfarbig schillern lassen konnte, Klänge so genau austarierte und auch bei den Klassikern zupackte. Ab 1979 dann: die Münchner Philharmoniker, der Höhepunkt. Die komplett dem Zeitgeist widersprechende Bruckner-Exegese des weißhaarig gewordenen, Buddha-gleich in sich ruhenden alten Mannes, unerhört langsam, mit gigantischen Steigerungen, pathetisch und verfeinert zugleich, ließ das Publikum Celibidache zu Füßen liegen. Ein großer Lebensbogen!
Sendereihe
Gestaltung
- Chris Tina Tengel
