Dietmar Hellmich

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Zeit-Ton

Neue Musik "aus dem Versteck"

Zeitgenössische Musik verstehen: Dietmar Hellmich erhellt zentrale und dezentrale Werke der Musikgeschichte.

Dietmar Hellmich, Komponist und Musikwissenschaftler aus Wien, beleuchtet für "Zeit-Ton" im Kamingespräch mit Rainer Elstner zentrale und dezentrale Werke der Musikgeschichte. Diesmal leuchten sie in besonders geheimnisvolle Ecken der Musikgeschichte.

Neue Musik seit dem Ende des zweiten Weltkriegs wird meist von Kommentaren der Komponisten und Komponistinnen begleitet: Sie veröffentlichen ihre Ästhetik, analysieren die Werke, erklären die Musik aus ihrer Biografie und nehmen Gelegenheiten wahr, in den Medien zu erscheinen. Vor diesem Hintergrund überraschen die Sonderfälle, in denen die schaffende Person sich ins Dunkel hüllt und analytische Verständnishilfen verweigert.

In der Sendung werden verschiedene (Extrem-)Fälle der Selbst- und Werkpräsentation einer kleinen Gruppe von Komponisten und Komponistinnen gegenübergestellt, die ihre Musik "aus dem Versteck" in die Öffentlichkeit entlässt. Als extrem kann Karlheinz Stockhausens Vorgehen angesehen werden, Werk für Werk mit umfangreichen Texten als mit geradezu wissenschaftlicher Konsequenz betriebene Problemlösung ästhetischer Aufgabenstellungen zu präsentieren, die wiederum Schritt für Schritt aus den jeweils letzten zurückgelegten Stationen erwachsen und somit eine zwingende Folge des Fortschritts darstellen.

Damit prägte Stockhausen die musikalische Avantgarde ab den 1950er-Jahren, später eignete er gar seinem Auftreten etwas Guruhaftes an. Sein amerikanischer Gegenpol John Cage begleitete die künstlerische Produktion zwar auch mit ästhetischen Überlegungen, ironisierte den Vorgang jedoch, und liebte es, Fragen offen zu lassen.

In derselben Zeit verblieben zwei Komponisten in der Obskurität mangelnder Anerkennung, aus der sie erst in den 1980er-Jahren durch "Entdeckung" gerissen wurden. Giacinto Scelsi bemühte sich jedoch auch, als er im Alter berühmt wurde, sein Aussehen geheim zu halten und nahm sich als Person zurück, da er sich eher als Medium verstand, durch das seine spirituelle Musik ins Dasein gelangte.

Conlon Nancarrow war durch seine Erfolglosigkeit gezwungen, seine komplizierten rhythmischen Studien auf dem mechanischen Klavier zu realisieren. Als er bekannt wurde, hielt er weder die Chronologie der Studien noch seine Biographie für mitteilenswert.

Im 21. Jahrhundert tritt die Rolle des Konzeptuellen nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Neuen Musik zusehends in den Vordergrund. Im Extremfall wird der ästhetische Wert völlig unabhängig von der klanglichen Gestaltung erreicht, etwa, wenn Johannes Kreidler in seiner Komposition "Fremdarbeit" Kritik an den Marktverhältnissen übt, indem er Komponisten aus Billiglohnländern anstellt, Musik in seinem Stil zu schreiben, und dann nur einen Teil seiner daraus lukrierten Einnahmen an die "Notenarbeiter" weitergibt.

Während hier alles, worauf es ankommt, im Konzept liegt, und das Hören der Musik geradezu irrelevant wird, stellt sich Aleksandra Gryka in anderer Weise gegen die Bedingungen des Neue-Musik-Betriebs, indem sie ihre Werke nicht kommentiert, keine Interviews gibt und Kritikern Einsicht in ihre Partituren verweigert. So bleibt die Person wie ihre Musik mysteriös.

Redaktion: Rainer Elstner

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