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Diagne Chanel - Ein Künstlerin zwischen Europa und Afrika
Im Süden Senegals, unter den Mangobäumen ihres Familiengrundstücks, sind Diagne Chanels Holzskulpturen entstanden - inspiriert von der westlichen Kunst- und Kulturgeschichte, die sie seit ihrer Kindheit prägt. Nun bricht die Künstlerin ihre Zelte in Senegal ab und lässt all ihre Kunstwerke nach Frankreich abtransportieren. Auf der Reise reflektiert sie über ihre Zerrissenheit zwischen europäischer und afrikanischer Herkunft.
7. November 2026, 09:05
Ein tonnenschwer beladener, stark in die Jahre gekommener Lastwagen - Baujahr und Kilometerstand unbekannt - rumpelt fast 24 Stunden lang mit Tempo 70 über die teils holprigen Nationalstraßen Senegals zum Hafen der Hauptstadt Dakar.
Mit an Bord: Diagne Chanel und ihre Skulpturen, bestimmt für den Weitertransport per Schiff nach Frankreich, das Heimatland der Künstlerin. Entstanden sind die Werke über mehrere Jahre hinweg bei ihren Aufenthalten in Sédhiou in der südsenegalesischen Region Casamance - auf dem Grundstück ihres senegalesischen Großvaters Amadou Mapaté Diagne. Er war Schulinspektor während der französischen Kolonialzeit und der erste westafrikanische Schriftsteller, der auf Französisch publizierte.
Seit mehr als zehn Jahren versucht seine Enkelin, diesen Ort zu einem Raum der kulturellen Begegnung und der Erinnerung zu machen - und zugleich zu einem Ort ihres eigenen künstlerischen Schaffens. Geprägt ist dieses von ihrer Liebe zur westlichen Kunstgeschichte: zu den Meistern der italienischen Renaissance ebenso wie zur Architektur- und Gartenkunst dieser Epoche, zu ihrer Pracht und Eleganz - wie sie etwa in den höfischen Boboli-Gärten des Palazzo Pitti in Florenz zu erleben ist.
In einem Land, in dem historische Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse bis heute spürbar sind, verhandelt Diagne Chanel die Bedeutung von Kunst und Kultur aus ihrer westlich geprägten Perspektive. Diese bringt sie in einen Dialog mit ihrer senegalesischen Herkunft und dem kulturellen Erbe ihrer Familie - auch wenn das mitunter im Kontrast zu den Traditionen und Lebenswelten vor Ort steht. Denn ihr künstlerisches Vorhaben stößt bei der lokalen Bevölkerung aus ihrer Sicht auf zu wenig Interesse. Auch deshalb betrachtet sie es als gescheitert: Zu wenig Rückhalt habe sie in Sédhiou erfahren, zu wenig habe sie bewirken können. Deshalb lässt sie das Projekt nun hinter sich - an jenem Ort, an dem sie sich trotz ihrer familiären Wurzeln meist wie eine Fremde fühlt. Diese Erfahrung steht exemplarisch für die Spannungen, die ihre Biografie seit jeher prägen.
Eine Reise in das Leben von Diagne Chanel - Künstlerin, Frau und Métisse: eine Person gemischter Herkunft, die zwischen zwei Welten pendelt, in denen sie stets als die "Andere" gilt, und die mit der Zerrissenheit ihrer Identität ringt - zwischen Herkunft, Selbstbild und Zugehörigkeit.
Gestaltung: Luna Ragheb
Tontechnik: Milos Ikic
Redaktion: Jürgen Pettinger
Koproduktion ORF/SWR 2026
Service
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"Est-ce que ton pipi est noir? Métis invisibles" von Diagne Chanel, Les éditions feu de brousse, 2022
"Les Trois volontés de Malic" von Amadou Mapaté Diagne, Larose, 1920
"Miriam, Mafou Métisse" von Diagne Chanel und Marie Sellier, Bernest, 2016
