Radiokolleg
Ökozid - das fünfte Verbrechen gegen die Menschheit? (1)
Die Geschichte
16. November 2026, 09:05
Lässt sich ökologische Schuld messen? Gibt es objektive Prozesse, die unsere Verantwortung gegenüber dem Planeten Erde beurteilen können? Kann es so etwas wie ein Verbrechen gegen die Biosphäre geben? Wer ist Täter:in bei einem solchen Verbrechen? Wer Kompliz:in? Und wer soll die Macht haben, darüber zu entscheiden? Vieles deutet darauf hin, dass der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag in den nächsten Jahren Ökozid zum "Fünften Verbrechen gegen die Menschheit" erklären wird. Dieses "Radiokolleg" gibt Einblick in die aktuelle Diskussion und zeigt Gefahren, aber auch Möglichkeiten einer solchen Rechtsprechung auf.
Der Begriff des Ökozids ist aufs Engste mit jenem des Genozids verbunden und wurde - laut der französischen Rechtsexpertin Valérie Cabanes - das erste Mal während der Nürnberger Prozesse erwähnt. Doch während Genozid mit der Ratifizierung der UN Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide (CPPCG) 1948 zu einer neuen Kategorie von Verbrechen erhoben wurde, blieb dessen Zwillingsbegriff "Ökozid" ein Nischenthema. Prominent wurde es erst wieder verwendet, als der schwedische Premierminister Olof Palme 1972 die USA des Ökozids in Vietnam mit ihren Napalmangriffen beschuldigte. Seitdem poppte der Begriff immer wieder in den Medien auf - so zum Beispiel bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder der großen Tankerhavarie im Golf von Mexiko - entwickelte tatsächlich aber erst in den letzten Jahren eine Dynamik, die auf dessen Rechtswerdung hindeutet. So sprach sich 2019 Papst Franziskus als erste große internationale Führungsfigur für die Anerkennung und Hinzufügung von Ökozid zum Rom Statut des Internationalen Gerichtshof aus. Damit wäre es - nach "Verbrechen gegen die Menschheit", Genozid, Kriegsverbrechen und Aggressionskriegen - die Fünfte Kategorie von Verbrechen, die der IStGH in Den Haag ahnen soll.
In diesem ersten Teil wird die Geschichte des Ökozids anhand von Gesprächen mit Expert:innen erläutert und deren potentielle Ratifizierung in den allgemeineren Kontext der politischen Weltlage gesetzt.
Gestaltung: Kilian Jörg
