Radiokolleg
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Die Gejagten
25. November 2026, 09:05
Im Jänner 2019 wird der Citizen-Lab-Forscher John Scott-Railton zu einem Mittagessen in New York eingeladen. Ein angeblicher Berater einer französischen Agrartechnikfirma interessiert sich für seine Doktorarbeit: Scott-Railton hatte erforscht, wie sich mithilfe von Kameras an Drachen Landkarten erstellen lassen. Doch die Anfrage kommt Scott-Railton irgendwie merkwürdig vor. Deshalb beschließt er das Gespräch heimlich aufzuzeichnen. Und er bittet auch den Journalisten Raphael Satter, mit einem Kameramann in der Nähe zu bleiben. Eine gute Entscheidung.
Beim Essen wechselt der vermeintliche Berater plötzlich das Thema. Er will über das Citizen Lab sprechen und über dessen Recherchen zur israelischen NSO Group. Der "Berater" fragt, ob hinter der Kritik an dem Unternehmen antisemitische Motive stecken könnten, und versucht Scott-Railton zu Aussagen über den Holocaust zu drängen. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein schwarzer Stift, die Spitze auf den Forscher gerichtet. An einem Nachbartisch beobachtet ein weiterer Mann das Gespräch.
Doch dann tritt der Journalist, Satter, mit dem Kameramann an den Tisch. Der angebliche Berater verschwindet daraufhin in ein Hinterzimmer und flieht durch einen Lieferanteneingang aus dem Gebäude. Später wird er als ehemaliger israelischer Sicherheitsbeamter identifiziert.
Die Forschenden des Citizen Lab, die seit Jahren die Spuren von Spionagesoftware verfolgen und ihre Hersteller publik machen, werden nun selbst beobachtet, ausgefragt und verfolgt. Auch Anwältinnen und Anwälte, Journalist:innen, die sich mit der Überwachungsindustrie beschäftigen, geraten ins Visier. Aus den Jägern sind Gejagte geworden.
Was in New York wie eine Szene aus einem Agentenfilm beginnt, führt mitten in den Alltag des investigativen Journalismus. Der österreichische Journalist Michael Nikbakhsh recherchiert seit Jahrzehnten über Wirtschaftsskandale, politische Netzwerke und staatliche Institutionen. In seinem Podcast "Die Dunkelkammer" setzt er diese Arbeit heute digital fort. Doch mit den technischen Möglichkeiten hat sich auch das Risiko verändert: Ein überwachtes Telefon verrät nicht nur Nachrichten, sondern Kontakte, Treffpunkte und Bewegungen. Wer einen Journalisten ausspioniert, kann dadurch auch jene Menschen finden, die ihm vertrauliche Informationen geben.
