Gedanken für den Tag
"... ein kapellenloser Glaube, der leise seine Wunder tut"
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum 100. Todestag von Rainer Maria Rilke
28. Dezember 2026, 06:57
Im Gedichtzyklus "Marienleben" (vertont von Paul Hindemith) hat Rainer Maria Rilke wunderbare Worte über die Geburt Christi gefunden, und Engel durchziehen seine "Duineser Elegien" schon von ihrem Beginn. Doch er geht mit den Symbolen und Figuren des Christentums seinen ganz eigenen Weg, und auch Gott, den er in seinem "Stundenbuch" so leidenschaftlich anspricht, sucht er abseits der Konventionen. "... ich kann religiöse Naturen nicht begreifen, die Gott als das Gegebene hinnehmen und nachfühlen, ohne sich an ihm produktiv zu versuchen", schreibt er in einem Brief.
Rilke zu lesen ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Sein berühmtes Gedicht "Archaischer Torso Apollos" beschreibt ein antikes Kunstwerk und endet abrupt mit dem Satz "Du mußt dein Leben ändern". Gerade dieser Impuls kann auch von einem Rilke-Gedicht ausgehen. Der polnische Lyriker Adam Zagajewski, der als Gymnasiast von den "Duineser Elegien" aus seinem Alltag hinauskatapultiert wurde, beschreibt, was Rilkes Poesie ermöglicht: "Augenblicke der Ekstase ..., Momente des Staunens, Stunden mystischer Existenz außerhalb der Wirklichkeit, Tage ohne Eile, die süße Langsamkeit des Lesens und Nachdenkens."
Und dann ist da noch die unauflösbare Grabinschrift, die Rilke mit seinem Tod vor hundert Jahren hinterlassen hat:
Rose,
oh reiner Widerspruch,
Lust, Niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.
