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Ankunft in Österreich 1944

Johann Kilianowitsch - 5. April 2025, 23:39

Ich erzähle von meiner Kindheit - Heimat und Fluchtgeschichte 1939 - 1947.
Aufgeschrieben von Marion Kilianowitsch.

TEIL 2:
Am 16. Oktober 1944 kamen wir in Antiesenhofen an und wurden auf der Ladefläche eines Lastwagens nach Obernberg am Inn gebracht. Am Marktplatz in Obernberg warteten schon Frauen auf uns, die uns anzeigten, in das Gasthaus Zöpfl zu gehen. Dort sind wir im Veranstaltungssaal untergebracht worden. Wir bekamen Säcke die aus Papierschnüren gewebt waren und stopften diese mit Stroh aus. Das waren unsere Matratzen. Jeder Erwachsene bekam einen Strohsack, eine dünne Decke und einen Platz zum Schlafen. Ich kann mich nicht erinnern ob ich einen eigenen Strohsack gehabt habe. Aber das war nichts Außergewöhnliches damals es ging allen so. wir waren bis Ende November in diesem Saal untergebracht alle dicht nebeneinander gereiht. Es gab keine Rücksicht auf Intimsphäre.
Mein Vater sah sich schon am zweiten Tag nach unserer Ankunft nach Arbeit um. Er begann in einer Schneiderei am Marktplatz an zu arbeiten.
Nach ungefähr sechs Wochen bekamen wir eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der wir zu sechst nur ein Zimmer bewohnten. Das zweite Zimmer hatte eine Mutter mit ihren zwei Kindern bekommen. Sie mussten immer durch unser Zimmer gehen. In unserem Raum hatten wir einen Kachelofen mit Backrohr und darin konnten wir Erdäpfel braten. Wir hatten nicht genug Betten im Zimmer. Mein Vater schlief alleine, meine Mutter und Lisl hatten zusammen eine Schlafstelle, auch Magda mit ihrem kleinen Sohn hatte ein Bett und ich schlief auf einer Zweierbank, ich konnte mich nie ausstrecken. Aber wir waren zufrieden, besser gesagt wir alle haben zufrieden sein müssen.
Vor Weihnachten musste ich zum ersten Mal in Österreich in die Schule. Ich habe absolut nichts verstanden, habe nur “bitte“ und “danke“ sagen können. Wenn mich jemand lächelnd und freundlich etwas gefragt hat, habe ich mit „Ja“ geantwortet. Wenn mich jemand ernst und unfreundlich angeschaut hat, habe ich „Nein“ gesagt. Mehr konnte ich nicht. Einmal sprach mich ein Lehrer in der Schule an. Seinen Gesichtsausdruck war freundlich deshalb habe ich „Ja“ gesagt, plötzlich hat er zu schimpfen begonnen, alle Mitschüler haben gelacht ich weiß heute noch nicht was er damals zu mir gesagt hat. So ist es mir öfter gegangen, dass mein „Ja“ oder „Nein“ überhaupt nicht auf die Frage passte. Dadurch sind die Leute draufgekommen, dass ich überhaupt nichts verstehe.
Zu Weihnachten gab es für uns Flüchtlinge eine Weihnachtsfeier wir bekamen sogar Geschenke. Ich habe gestrickte rostfarbene Stutzen bekommen die ich mir bis über die Knie ziehen konnte aber das war mir egal warm sind‘s gewesen. Im Winter ging ich gern Schlitten fahren auch wenn ich keinen Schlitten besaß. Ich sah den Kindern beim Schlittenfahren zu und manchmal wurde ich gefragt ob ich mitfahren möchte „Ja, ja!“ rief ich voller Freude. Auch wenn ich damals noch nicht richtig Deutsch konnte habe sofort „aus da bahn“ gerufen. Für‘s mitfahren habe ich den Schlitten hinaufziehen müssen. So bin ich zum Schlittenfahren gekommen.
Für eine Person waren 800 Kalorien vorgesehen. Die Brotmarken für sechs Personen pro Tag ergaben einen Laib Brot ca. 900 g wir teilten das Brot wie eine Torte in sechs Teile. Jeder musste mit diesem Stück ca. 150 g am Tag auskommen. Meine Mutter hat mir öfter von ihrem Stück Brot etwas zugeschoben. Ich war im Wachstum und hatte immer Hunger.
Wenn uns jemand fragte, was wir heute zu Mittag gegessen haben sagten wir zum Spaß “heute gekochte Kartoffeln, gestern hatten wir Erdäpfel und vorgestern Krumbiren. Das waren Kartoffel mit Schale im Kachelofenrohr gebraten. Diese mussten im Rohr immer hin und her bewegt werden dann wickelten wir die Kartoffeln in ein großes Tuch und darin wurden sie fertig gedünstet.
Als ich mein erstes Zeugnis bekam sah ich, dass dort wo bei meinen Mitschülern Noten standen alles durchgestrichen und mit „Mangelhaft“ bezeichnet war. Ich wusste nicht was das heißt. Nach der Schule zeigten wir uns gegenseitig die Zeugnisse und meine Schulkollegen erklärten mir mit den Worten “nix gut“ dass ich überall ein nicht genügend hatte.

Heimat und Flucht 1939 - 1944

Johann Kilianowitsch - 5. April 2025, 23:37

Ich erzähle von meiner Kindheit - Heimat und Fluchtgeschichte 1939 - 1947.
Aufgeschrieben von Marion Kilianowitsch.

TEIL 1: Meine Eltern waren Ungarn, ich Johann (Jancsi) bin 1932 in Szabatka (Subotica) geboren.
Als Familie donauschwäbischer Vorfahren väterlicherseits, lebten wir in der Stadt Subotica in der Bacska (heute Wojvodina) im Haus der „Nagymama“ (Großmutter) mütterlicherseits, welches ein großes Areal, mit mehreren Mietern und einem sehr großen Gemüse- und Obstgarten war.
Mein Vater war Schneidermeister und arbeitete zu Hause in seiner kleinen Schneiderei.

Die Stadt Subotica hatte ca. 120 000 Einwohner u. gehörte ursprünglich zu Ungarn. Nach dem 1. Weltkrieg um ca. 1920 wurde unsere Stadt und das Bundesland Bacska von Jugoslawien besetzt. Bis Ungarn im April 1941 dieses Gebiet zurückeroberten und nach dem wieder verlorenen 2. Weltkrieg Jugoslawen das Gebiet Bacska wieder einnahm. Damit nicht nur Ungarn und deutschstämmige Menschen in dieser Gegend wohnten, siedelte man immer mehr Serben, Bosnier und Kosovaren an.

Meine Muttersprache ist ungarisch. Die ersten zwei Jahre in der Volksschule 1939 bis 1941 lernte ich serbisch, dann wieder ungarisch. Die Volksschule in die ich ging war eine jüdische Schule im Areal einer Synagoge. Es war die nächstgelegene Schule, ich hatte dort auch katholischen Religionsunterricht. Mein bester Freund war ein jüdischer Junge. Mit ihm war ich oft in der großen Synagoge in Subotica.
Als das ungarische Heer im April 1941 kampflos in Szabatka einmarschierte schaute ich mir den Aufmarsch an. In Szabatka gab es Nationalserben die Tschetniks. Sie haben von den Dachböden aus auf das ungarische Militär geschossen und ich war mitten drunter. Die ungarischen Soldaten zogen mich zu einem Stoß liegenden Holzmasten in Deckung. Als es wieder ruhiger wurde wollte ich nach Hause laufen. Eine Familie die in der Nähe wohnten haben mich gesehen es war noch viel zu gefährlich, sie rissen das Fenster auf und riefen „jancsi gyere ide, gyere ide!“ (komm her, komm her!). Sie packten mich an der Hand und zogen mich durchs Fenster hinein. Später als es ruhig war brachten sie mich nach Hause.
Mein Bruder Franz wollte unbedingt schon mit 19 Jahren zum Militär, er wollte zum ungarischen Heer. Es gab die auch Möglichkeit beim deutschen Militär einzurücken und er meldete sich 1942. Alle deutschstämmigen jungen Männer kamen zur Waffen-SS und so kam mein Bruder obwohl er kein Wort deutsch konnte ein halbes Jahr zur Ausbildung nach Krakau und zog in den Krieg gegen Russland.

1944 Sommeranfang gab es immer Fliegerangriffe und Bombardierungen. Zwei Bezirke in unserer Stadt wurden völlig zerstört und es gab tausende Tote. Da wurden wir schon von den Amerikanern bombardiert.
Im Herbst 1944 begannen die Partisanen mit nächtlichen Schießereien und Sprengungen. Sie versteckten sich am Tag im Friedhof, schoben die Steinabdeckungen der Gruften weg und verbargen dort ihre Waffen und Munition. Nachts griffen sie an und sprengten wichtige Zentren die das Leben in der Stadt aufrechterhielten wie auch das Zentral E-Werk der Stadt.
Mein Vater traf sich an Sonntagvormittagen mit den anderen deutschstämmigen Leuten im deutschen Kulturbund.
Ich war fast zwölf Jahre alt und ging in die zweite Klasse im Piaristen Gymnasium, als am Sonntag den 8. Oktober 1944 mein Vater vom Stammtisch des Kulturbundes um 11:30 nach Hause kam und sagte: „Wir müssen weg! Um 15:00 fährt der Zug.“

Schon einige Wochen zuvor sah ich immer wieder Kolonnen von Pferdefuhrwerken mit Planen durch die Stadt fahren. Es waren Volksdeutsche aus den Gebieten Siebenbürgen und aus dem Banat.
Wir packten alles was wir tragen konnten, alles was in dieser kurzen Zeit überhaupt möglich war. Ich weiß noch das ich meinen kleinen Kopfpolster und eine blaue Kanne mit Wasser getragen habe.
Als wir das Notwendigste gepackt hatten fuhren wir, meine Geschwister meine Eltern und ich mit dem Fiaker den mein Vater zuvor organisiert hat zum Bahnhof.
Am Bahnhof waren hunderte Leute alle warteten. Nach einiger Zeit bekamen wir einen Viehwaggon zugewiesen und alle stiegen nach den Anweisungen der Soldaten in die Waggone. In einen Waggon wurden fünfundfünfzig Leute hineingepfercht. Die Anzahl schrieb ein Soldat außen mit Kreide auf die Waggone. Es gab nur schmale Luftschlitze an den oberen Waggonwänden und nicht einmal Stroh am Boden.
Am Abend fuhr der Zug los wir hörten wieder Schüsse und nahmen an, dass es die Partisanen waren.
Auf dem Weg nach Budapest blieben wir oft lange mit dem Zug stehen. Nach zwei Tagen kamen wir am Budapester Ostbahnhof an und hielten uns dort ungefähr eineinhalb Stunden auf. Meine Schwester und ich wollten in dieser Zeit etwas zu essen und trinken besorgen. Wir kamen fast zu spät zurück, der Zug wurde langsam in Richtung Westbahnhof verschoben. Wir rannten um den Zug noch zu erreichen. Unsere Eltern riefen, knieten an der Öffnung des Waggons und zogen uns durch die offene Schiebetür hinein.
Die Flucht ging weiter westwärts. Während der Fahrt konnte man nicht jederzeit die Notdurft verrichten und wenn der Zug stehen blieb nutzten wir die Gelegenheit. Doch nicht jeder konnte sich das so einteilen. Keiner mehr hatte ein Schamgefühl es roch und die Luft war stickig. Mit Vorsicht öffneten die Erwachsenen manchmal die Schiebetür des Waggons damit die Luft wieder etwas erträglicher wurde.
Bei der Fahrt durch Österreich wurde unser Zug mehrmals beschossen. Wenn ein Fliegerangriff drohte gab Vorwarnungen. Der Zug blieb stehen alle liefen hinaus und wir versteckten uns hinter Heumandln, Büschen, Bäumen oder sonst wo. Nach dem Angriff kündigte der Lockführer zweimal ein Pfeifsignal für die Weiterfahrt an. Schnell liefen wir zurück zum Zug. Allmählich wurden wir aber immer weniger und wir bekamen im Waggon etwas mehr Platz. Kann sein, dass einige den Angriff nicht überlebt haben und manche hatten einfach Pech, versäumten denn Zug und mussten hinten bleiben.
Ich kann mich gut erinnern, dass wir in Linz auf die Bahnstation Kleinmünchen verschoben wurden dort bekamen wir das erste Mal nach knapp einer Woche eine warme Suppe vom Roten Kreuz. Jeder hatte irgendein Geschirr stellten uns in einer Reihe an und warteten bis wir dran waren.
Es ging weiter nach Attnang - Puchheim. Die Bahnstation war schon ziemlich kaputtgeschlagen von den Bombardierungen und dort haben wir einen Tieffliegerangriff der Lightnings erlebt - so etwas kann man sich nicht vorstellen. Diese Flieger flogen über den Zugdächern hinweg und haben links und rechts in die Züge hineingeschossen. Wir lagen im Waggon alle am Boden und schützten uns. Ich habe keine Ahnung ob jemand umgekommen oder verletzt wurde, jeder schütze nur seine eigene Familie.

Familiendrama nach Vergewaltigung durch Soldaten

Christine Schwarz, Jg. 1954 - 5. April 2025, 23:21

Meine Familie hat im zweiten Bezirk gewohnt, und dort ist die Tante meines Vaters in der Ybbsstraße vergewaltigt worden. Ihr Mann hat sich das zum Vorwurf gemacht, dass er das nicht verhindern konnte - und wollte seine Frau im Hof des Hauses erschießen. Sie hat sich gewehrt, daraufhin hat er sich selbst erschossen. Mein Vater, der desertiert ist und in diesen letzten Kriegstagen nicht erwischt werden durfte, musste mit der Tante ihren Mann in der Ybbsstraße, im Nebengarten, begraben. Mein Vater hat uns geschildert, wie dramatisch die Situation damals war. Im zweiten Bezirk haben sich die Menschen versteckt, wenn die Russen gekommen sind, weil die haben an die Türen gepocht und wollten die jungen Mädchen und Frauen herausholen. Aber ein Gemeindebau hat wegen der vergitterten Tore eine gewisse Sicherheit geboten. Mein Vater hat die Russen daraufhin nie als Befreier gesehen.

Milchkanne über den Kopf

Maria Strasser, Jg. 1956 - 5. April 2025, 20:31

Meine Großmutter hat im Stall eine Kuh gemolken, als die Stalltür aufgeht und ein russischer Soldat vor ihr steht, das Gewehr im Anschlag. Die Großmutter ist total erschrocken, nimmt den vollen Milchkübel, stülpt ihn dem Soldaten über den Kopf, reißt ihm das Gewehr aus der Hand und schmeißt es auf den Misthaufen. Dann ist sie natürlich vor lauter Schreck, dass sie das jetzt gemacht hat, davongelaufen und hat sich hinter einer Steinmauer im Garten versteckt. Der Soldat sucht schimpfend und fluchend nach dem Gewehr und meiner Großmutter, aber hat sie nicht finden können. Vor lauter Zorn hat er dann ein Kalbl mitgenommen und ist davon.

Mit plündernden Dorfbewohnern mitgezogen

Ruth Linko, Jg. 1939 - 5. April 2025, 19:53

Wie ich im Jahr 1945 mit den plündernden Bewohnern - nicht mit den Russen! - mitgezogen bin und mir selber als Kind Spielzeug aus einer Wohnung mitgenommen habe: Wir sind zurückgekommen, die Wohnung war vom Krieg zerstört, ich hab mein Spielzeug zertreten auf dem Boden gefunden. Da haben die Leute aus dem Dorf neben Lilienfeld in der Wohnung vom Betriebsleiter Sachen gesucht, und da habe ich etwas mitgenommen - zum Entsetzen meiner Mutter. Ich musste das zurücktragen, an den Russen vorbei. Das war mir eine Lehre fürs Leben. // Meine Großmutter hat ihre Wäsche auf der Leine vom Nachbarn gefunden. Weil damals noch das Monogramm in Wäschestücken drinnen war, hat sie einfach die Wäsche von der Leine runtergenommen und hat gesagt, das ist meine. Also durchaus nicht nur die Fremden, auch die eigenen Leute sind durch den Ort gezogen und haben mitgenommen, was sie gebraucht haben.

Heldenmythos war vorbei

Erna Putz, Jg. 1946 - 5. April 2025, 19:29

Mai 1945, die Kriegsrückkehrer sind traumatisiert: Der Vater konnte abhauen, hat noch eine Woche im Untergrund gelebt und war zurück. Er und seine Altersgenossen haben viel über den Krieg geredet, auch über die anderen, die in Gefangenschaft waren. Was ich jetzt noch weiß ist, dass das Heldenthema vorbei war. Sie haben immer wieder gesagt, es ist kein Wunder, dass der Franz nichts zu Wege bringt, das alles an seiner Frau hängt. Der hat zweimal das Eiserne Kreuz bekommen, der hat elf Panzer abgeschossen. Der ist mit den Nerven fertig.

Das letzte Aufgebot; Kapitel 6 - Heimkehr

Franz Holzmann - 4. April 2025, 09:45

Die Geschichte der Heimkehr meines Großvaters Franz Holzmann, welcher als 17-jähriger kurz vor Kriegsende noch eingezogen wurde und dann die russische Gefangenschaft überlebte.

Die Geschichte meines Großvaters wurde von meinem Onkel Hermann Holzmann in den 90er Jahren anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Republik niedergeschrieben. Ich darf mit seiner Erlaubnis den Text des letzten Kapitels hier teilen und wollte auch selbst ein paar Worte zu meinem Opa schreiben.

Kapitel 6: Heimkehr
Im Oktober 1945 wurde ich dann eines Tages einem Transport zugeteilt. Zunächst vermutete ich, ich sollte in ein anderes Lager verlegt werden. Ich durfte aber
heimkehren! Im Rückblick betrachtet, wollten die Russen mit dieser Aktion sicher auch
ihre Sympathiewerte bei der österreichischen Bevölkerung anheben und der KPÖ
Wahlkampfhilfe leisten. Tatsächlich wurden ja in Österreich Kommunisten bei den Sowjetbehörden vorstellig, um eine möglichst rasche Entlassung österreichischer Kriegsgefangener zu erreichen. So traf beispielsweise der erste Transport noch vor den
Wahlen vom 25. November ein.
Unser Rücktransport erfolgte nicht über Lemberg, sondern durch Südrussland nach
Rumänien. Die Bahnhöfe vermittelten hier eigentlich einen recht sauberen Eindruck,
nicht so wie die in Russland, wo sie ja regelrecht verwahrlost waren. Auch kann ich mich noch gut an die Bohrtürme der rumänischen Erdölstadt Ploesti erinnern.
Viele der entlassenen Gefangenen starben während des Transportes, die Heimat schon vor Augen. Manchmal wurden die Toten einfach aus dem Zug geworfen. Einmal
hat sich darüber ein Arzt in einem Bahnhof außerhalb Bukarests sehr „aufgeregt". Die Russen haben sich darum aber nicht gekümmert.
Jedes Mal, wenn wir in einen größeren Bahnhof eingefahren waren, gab es einen kurzen Halt. Jeder nützte die Gelegenheit, irgendwo Wasser oder etwas Essbares zu
bekommen. Die Dauer des Aufenthaltes kannte aber keiner von uns genau. Ein kurzer Pfiff, und schon setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Auf diese Weise blieben in Budapest etliche Kameraden zurück, die etwas länger „ausgeschwärmt" waren. Das k ü m m e r t e a b e r d i e R u s s e n n i c h t .
Am 4. Dezember hatten wir endlich nach einer sechs Wochen langen Fahrt Österreichs Grenze erreicht. Wir fuhren noch bis Mödling. Dort entließen uns die
russischen Soldaten mit dem Ruf: „Damoj baschli!" (Los, nach Hause!)
Mit dem Entlassungsschein in Händen, kam ich dann nach Wien, wo alle Bahnhöfe schwer beschädigt bis unbrauchbar waren. Nur der Nordwestbahnhof war einigermaßen intakt geblieben. Von dort aus wollte ich irgendwie weiterkommen.
Einige Lastwagen standen im Bereich des Bahnhofs. Wir sprachen die Lenker an und erkundigten uns, wohin sie fuhren. Einer antwortete: „Nach Schrems!" Kurz
entschlossen stiegen wir auf das Plateau, das nicht überdacht war. So waren wir der eisigen Kälte schutzlos ausgeliefert. Zusammengekauert und den Kopf in den Nacken gezogen, überstanden wir auch diese Fahrt, die uns unserem Ziel wieder ein Stück näher gebracht hatte.
Von Schrems ging ich dann zu Fuß nach Gmünd, um von dort einen Anschluss nach Groß Gerungs zu erreichen. Auf dem Weg dorthin begegnete ich russischen Soldaten.
Sie hielten mich an und verlangten nach meinen Papieren. Ich zeigte ihnen den Entlassungsschein und durfte meinen Weg fortsetzen. Der Bahnhof in Gmünd war voll von Flüchtlingen, die mit dem Zug weiterkommen wollten. Da es keinen Anschluss mehr nach Groß Gerungs gab, übernachtete ich dort mit vielen anderen.
Am nächsten Tag fuhr ich noch am Vormittag mit der Schmalspurbahn nach Groß Gerungs. Dort kehrte ich bei einem Treffpunkt der Fuhrleute, der so genannten
„Teichmiazl", ein. Die Besitzerin hieß Traxler Maria. Weil ihr Gasthaus aber in der Nähe des Löschteiches (im Bereich des heutigen Freibades) lag, hatte sie im Volksmund eben diesen Namen. Dort traf ich die Schwester vom Höfinger aus Arbesbach, die Tüchler Hilda. Sie handelte mit Eiern und war auf dem Weg nach Hause. So kam ich auf ihrem Pferdeschlitten bis nach Arbesbach. Die letzten fünf Kilometer legte ich nunmehr zu Fuß zurück.
In Purrath kam ich beim Pilz vorbei, wo gerade die Sommerernte gedroschen wurde. Leute aus der Nachbarschaft halfen dabei mit, weil die Arbeit den Einsatz mehrerer Leute erforderte. Man hatte zwar einen Dieselmotor, der über einen großen Riemen die Dreschmaschine antrieb, aber das Heranschaffen der Garben, das Abfüllen und Transportieren der Säcke und die Entfernung des Strohs machten den Einsatz von mehr
Arbeitskräften notwendig, als im jeweiligen Haus zur Verfügung standen. So „wanderte" man eben beim Dreschen von einem Haus zum anderen und half sich
gegenseitig. Als ich an den mit der Arbeit Beschäftigten vorbeiging, sah mich zuerst der Payreder Karl. Er grüßte mich und rief mir zu: „Bist a wieda hoamkeamma?" Ich
h a t t e aber nur mehr eines im Sinn: nach Hause.
Es waren noch ein paar hundert Meter, da sah ich auch schon mein Elternhaus. Voll Freude ging ich auf die Haustür zu. Diese war aber versperrt. Es gelang mir, durch die „Hütte" (Schuppen) in den Hof zu kommen. Ich trat in die Küche. Da saß meine Mutter beim Tisch und sah mich lange Zeit an. Sie hätte mich fast nicht mehr wieder erkannt. Das Erste, was sie nach dem Wiedersehen tat, war, gleich die Kleider zu verbrennen. Ich war ja voller Läuse. Sie steckte alles in den Küchenherd und gab mir
frische Wäsche. So konnte wieder ein neues Leben beginnen.

Anmerkung der Einsenderin:
Mein Großvater, der als 17-jähriger kurz vor Kriegsende nichts-ahnend noch eingezogen wurde, hat viele Gräueltaten erlebt und er musste in russischer Gefangenschaft in einem Bergwerk arbeiten und schrecklichen Hunger erleiden. Ich weiß noch, dass wenn er über diese Zeit redete, sein Blick sich so verhielt, als würde er ins Narrnkastl schauen. Er hat uns Kindern einmal gesagt, dass wir garnicht wüssten, was Hunger überhaupt ist. Er sagte das aber nicht in einer vebitterten oder gehässigen Art und Weise, denn das war mein Großvater ganz und gar nicht. Im Gegenteil, er war ein Mensch, der schwierige Situationen oftmals mit einem dummen Spruch oder einem Schmäh und einem Augenzwinkern aufzulösen versuchte. Das hat sich mein Vater offenbar genauso von ihm abgeschaut wie ich.
Mit der Aussage, dass wir nicht wüssten, was Hunger überhaupt ist, hatte er natürlich recht, denn die große und gesunde Familie, die er danach gründete, dufte in einer anderen, besseren Zeit leben. Mein Opa übernahm den Hof seiner Eltern und war von 1975 bis 1990 Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Arbesbach. Sein Amt wurde sehr geschätzt. Er hat Dinge bewegt und selber Hand angelegt. Man hatte davor auch schon versucht, meinen Opa in die Politik zu bringen: noch während des Kriegs versuchte man, meinen Opa zum Eintritt in „die Partei“ zu bewegen, in die auch sein Vater bereits eingetreten war. Mein Großvater hat das aber abgelehnt, weil er scheinbar Recht von Unrecht unterscheiden konnte oder ein gewisses Gespür gehabt hat. Das weiß ich nicht so genau. Ich glaube aber schon daran, dass mein Opa ein grundsätzlich ehrwürdiger Mann war. Er hat übrigens gegen Ende seines Lebens hin öfter mal gesagt, „Hitler war ein Trottel“. Seine beiden Vollzeit-Pflegerinnen, die er "auf seine alten Tage" benötigte, kamen aus der Slowakei und mit denen hat er dann tatsächlich noch ein paar slawische Wortfetzen wechseln können, weil die Wörter, die er während der russischen Gefangenschaft aufgeschnappt hatte, 75 Jahre später für ihn noch immer greifbar waren!
Meine Schwestern und ich sind im selben Haus groß geworden, das mein Opa schon von seinen Eltern übernommen hatte. Mein Vater hat die Wirtschaft in weiterer Folge bekommen und so haben drei Generationen gleichzeitig in dem Haus gelebt. Es gab natürlich Höhen, Tiefen und Schicksalsschläge. Aber wir sind alle pumperlgsund (denn das ist laut Opa immer das wichtigste gewesen) und grundsätzlich hat es uns nie an etwas gefehlt. Meine Eltern haben uns allen eine gute Ausbildung ermöglicht und wir durften in den 80er und 90er Jahren eine gewisse Sicherheit und ein gewisses Wachstum erfahren. Das gab mir zum Beispiel dieses tiefe Grundvertrauen und ich bin dafür sehr dankbar, weil ich in der heutigen Zeit sehe, dass man nur mehr wenig als selbstverständlich betrachten kann, was für uns damals einfach gegeben war.
Was ich allerdings schon bemerkt habe, ist dass in unserem Haus die Fähigkeit, Dinge anzusprechen, zu benennen und zu bearbeiten schon gefehlt hat. Ich weiß nicht, ob das ein Gesellschaftsproblem der Nachkriegszeit war, welches wir jetzt noch mit uns herumtragen. Es wäre jedenfalls nachvollziehbar, wenn man diese schrecklichen Dinge einfach tot-schweigen wollte.
Ein großer Dank gilt hier auch meinem Onkel Hermann, der die Geschichte meines Großvaters anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Republik niedergeschrieben hat, damit nachfolgende Generationen erfahren, was passiert ist.

Tschechische Vorfahren

Milena Renate Findeis - 4. April 2025, 06:01

Wäre ich 1991 nicht meinem Herzenswunsch gefolgt, nach Prag gegangen wegen Kafka, Havel und Jesenská würde ich bis heute nichts über meine tschechische Vorfahren wissen.

1957 geboren wohnten in einer Küche, einem Schlafzimmer ohne fließendes Wasser: 5 Erwachsene - Großvater, Großmutter, Mutter und Vater und der Bruder der Mutter und ich, 1958 kam mein Bruder hinzu

Webseite
https://www.zeitzug.com/autoren/milena-findeis/freilandherz.html

die russen kommen

Helga Herzog - 3. April 2025, 10:19

Kindheitserinnerungen an die Besatzungszeit - Mühlviertel

Irgendwann im Jahr 1946, Schwertberg, ein Ort im Mühlviertel

Ich bin etwa 8 Jahre alt, lebe mit Eltern, Großeltern, Geschwistern sowie unserer Köchin, einer Haushaltshilfe, 2 Kindermädchen, 2 Lehrlingen (von unserem Geschäft, mein Vater war Kaufmann) in einem recht großen Haus direkt im Ort.


Der Krieg war also aus und die Sieger haben sich Österreich geteilt, das hieß für uns
in Linz waren die Amerikaner, auf unserer Seite der Donau, im Mühlviertel, die Russen.

Es war eine angsterfüllte Zeit, als wir erfuhren, dass Schwertberg von Russen besetzt werden würde. Ihr Image war sehr schlecht. Frauen und Mädchen sollten besser zuhause bleiben, da sie von den Besatzern schlecht behandelt würden. Was das genau hieß, wussten wir Kinder nicht.

In Schwertberg war die russische Kommandantur am unteren Ende des Marktplatzes. Wir verständigten uns mit ihnen zunächst "mit Händen und Füßen", später hatten wir uns ein paar Brocken Russisch bzw. sie sich etwas Deutsch angeeignet, was die Unterhaltung doch ein bisschen vereinfachte. Speziell Höflichkeitsfloskeln wie etwa Bitte/Danke, grüßen und ähnliches war wohl auch günstig für den Alltag miteinander. Ich habe mich jedenfalls nie vor ihnen gefürchtet. Sie waren freundlich, meist gut gelaunt und luden oft Kinder zu einer Rundfahrt in ihren Fahrzeugen ein. Wir durften von Mama aus nie mitfahren. ("Was tun die denn mit den Kindern?" wurde geflüstert)


Die Russen hatten eine besondere Vorliebe für Armbanduhren, die wurden eingesammelt und je nach Stand trugen sie die Beute dicht an dicht an den Armen, zum Teil bis rauf zu den Ellbogen. Es eilte ihnen auch der Ruf voraus, Schmuck, Pelze und Kleidung zu rauben. Das hatten wir gehört, schon bevor sie kamen und so wurden in einer Ecke der Speisekammer diese Dinge gelagert und eingemauert.
Irgendwie haben gerüchteweise die lieben Mitbürger davon erfahren und es auch der Kommandantur gemeldet. Jedenfalls kamen da auf einmal ein paar Soldaten mit Schaufeln und begannen unseren Gemüsegarten umzugraben - da war aber nix zu finden - Pech/Glück gehabt.



Bei uns im Haus waren Soldaten einquartiert. ich wusste nicht wo.
Wir Kinder hatten unsere 2 Zimmer - essen, spielen, schlafen. Was sonst im Haus los war interessierte mich nicht.

Daran erinnere ich mich doch: Es war so abends, irgendwann 1946? Wir saßen beim Küchentisch, es klopfte und herein kamen drei Russen mit einem Eimer toter Fische.
"Du Mama kochen" sagten sie zu meiner Oma, (Laura Pepöck, geb. Breinbauer).
Diese war nun eine perfekte Köchin, schaute die Fische an und sagte: "Da brauche ich Fett und das habe ich nicht."
Einer der Soldaten verschwand und kam kurz darauf mit ca 1kg Butter wieder – ein unglaublicher Schatz in dieser Zeit des Hungers.
Oma richtete also die Fische her, briet sie und kochte noch Erdäpfel dazu - die hatten wir ja aus dem Garten. Zum Essen waren wir dann alle eingeladen, auch Babyschwester Anneliese und Opa, (Josef Pepöck, Kaufmann) wurden geholt - sie waren schon im Bett gewesen.
Es war ein Festmahl!
Für die Erwachsenen hatten die Russen noch Schnaps dabei.
Im Nachhinein habe ich oft über die großzügige Einladung nachgedacht.
"Waren sie freundlich und freigebig oder hatten sie Angst, dass wir Gift ins Essen der Feinde tun?"

Das Mühlviertel war also russisches Gebiet, die andere Seite der Donau von Amerikanern besetzt. Die Demarkationslinie war über die Nibelungenbrücke nur mit einem Identitätsausweis = ein Ausweis in 4 Sprachen mit Lichtbild zu überqueren. Auch ich musste später, als Schülerin in Linz, einen haben. Anders als derzeit, war es damals das größte Problem, ein Foto von mir zu beschaffen. Letztlich wurde ich (also ein Foto von mir) aus einem Gruppenbild von meiner Erstkommunion geschnitten.
Ich kam von Schwertberg aus in Urfahr beim Bahnhof der Mühlkreisbahn an. Von dort zur Schule im Zentrum Linz musste ich über die Nibelungenbrücke die Demarkationslinie passieren. Genauso für den Heimweg. Vom Bahnhof der Mühlkreisbahn fuhr der Bus nach Grein ab. Mit diesem konnten wir am Wochenende, nach der Schule, nach Schwertberg fahren. Den Ausweis auf der Brücke zu zeigen, war Routine. Ich erinnere mich nicht, dass es dabei jemals eine unangenehme Situation gegeben hätte.


Behütet /abgeschirmt im Internat der Kreuzschwestern habe ich das Ende dieser Zeit eigentlich nicht mitbekommen.

"Österreich ist frei" hieß es dann.


Ich denke, das war alles an Erinnerungen.

Helga Herzog (geb. Pepöck), geb. 1938
Unterstützt v. Marion Kitzberger, Tochter

Ö 1945-55: arm, aber reich an Bildung

Franz Albert Pichler - 2. April 2025, 17:45

Darstellung der Armut, der politischen Widersprüche, aber auch der vielen Bildungsmöglichkeiten trotz Bombenruinen in Wien.

Wir waren Hunde arm. Kriegsbedingte Binnenflüchtlinge. Anfangs lebte ich als kleines Kind in einem Dorf an der oberen Donau, in Engelhartszell. Auf der einen Seite der schmalen Donau war eine Kaserne der US- Soldaten, die meisten waren Afro- Amerikaner. Am anderen Ufer war ein russisches Lager. Auf einem schmalen Streifen entlang der amerikanischen Seite der Donau war ein Flüchtlingslager: es waren Banater, Deutschsprachige aus Rumänien und Südosteuropa, die vor den sowjetischen Truppen flüchteten. Mit den Flüchtlingskindern spielte ich am liebsten. Mit den Nazikindern im Ort hatte ich keinen Kontakt. Mir zuliebe zog dann die Familie im Sommer 1949 nach Wien, damit ich statt in einer in zwei Klassen geteilten Volksschule eine gute Schule besuchen konnte.
Bildung war für uns wichtig: am Donau Ufer hatte ich bereits die Großbuchstaben gelernt, die ich unter Anleitung meines Vaters mit einem Stecken in den feuchten Sand malte.
Vor allem in Wien war- trotz der Bombenruinen - Bildung täglich möglich: jeden Tag die Aushänge der Tageszeitungen mit hochgerecktem Hals lesen, das amerikanische, britische oder französische Kulturinstitut besuchen, Bücher billig ausleihen können. Auch die Filme waren extrem billig, die Voice of America (heute durch Präsident Trump eingestellt) war gratis. Diese Öffnung übertünchte die grauen Gebäude und verssperrten Eingänge in die Luftschutzkeller. Gespräche über verschwundene Mitbewohner des Hauses führten schon bald zum Thema Holocaust. Die messingfarbigen Stolpersteine gab es noch nicht, sonst wären diese vor unserem Wohnhaus sichtbar gewesen. Wir versuchten uns von allen Nazis fernzuhalten. Wenn ein im Nationalsozialismus berühmter Theaterdirektor aus dem Nachbarhaus kam, wechselten meine Eltern und ich den Gehsteig. Wenn ich zum Einkaufen geschickt wurde, musste ich darauf achten in keinem Geschäft eines ehemals Nazis einzukaufen. Bei jedem Spaziergang erklärte mir mein Vater das frühere nationalsozialistische Engagement des jeweiligen Geschäftsinhabers. Komplizierte Verhältnisse für einen kleinen Jungen. Die Klosterschule war ein Ruhepunkt. Am Spielplatz im Volksgarten wurde ich mit meinen roten Haaren und wegen meiner altmodischen Kleider von Nazikindern in die Mitte genommen: sie tanzten und sangen antisemitische Lieder dazu. Das war hart. Aber die Kernfrage für meine Eltern war, wie es mit Österreich, das im Zentrum von zwei Weltkriegen gestanden war, weitergehen sollte? Erst der Staatsvertrag 1955 schaffte Klarheit für meine Eltern: es gibt dieses Österreich wieder. Wir Alle tanzten am Rathausplatz. Ich war 11 Jahre alt und durfte in eine helle Zukunft blicken.