Familiengeschichten

Reden und Schweigen

Von: Silvia Jelinek | 1. April 2025, 14:30

In sehr unterschiedlicher Weise wurde in meiner Familie über die Ereignisse zu Ende des Krieges und danach geredet, oder geschwiegen

Ich bin 1960 geboren und in Wien im 10. Bezirk am Reumannplatz mit den Eltern und der Großmutter in einer Wohnungaufgewachsen. Der Krieg und seine Folgen in meiner Familie waren mir von klein auf präsent und prägten mich in gewisser Weise. Die drei Menschen mit denen ich zusammenlebte waren sehr unterschiedlich in ihrem Umgang mit "darüber reden" bzw. "darüber schweigen
Meine Großmutter : Wie die meisten alten Menschen wiederholte sie immer die gleichen Geschichten:
Von den Bomben, zweimal war sie mit ihrer Familie ausgebombt worden. Die Amerikaner hatten das Amalienbad mit seinem hohen Schlot für" eine Fabrik gehalten. Das Bad blieb unbeschadet, die Häuser rundum waren zerstört. Auch von den Bauern, die für zwei Schmalzbrote für ihre Kinder eine goldene Uhr verlangten, vom Hunger und von den Würmern in den Erbsen erzählt sie immer wieder mit hoher weinerlicher Stimme. Ich wollte sie nicht hören, diese Geschichten. Ich wappnete mich gegen sie mit überheblichem Desinteresse. Ich beschloß nie so eine jammernde weinerliche Person wie meine Großmutter zu werden.
Aus einer schriftlichen Aufzeichnung meiner Mutter 1933 geb. 1930:

Dann begannen die Bombenangriffe Tag und Nacht und ich habe in meiner hysterischen Angst um mein Leben bei den Angriffen entsetzlich geschrien.
Bei der Ansage im Radio „Anflug auf Kärnten, Steiermark“ schrie bald der Kuckuck und dann waren sie da, die Flugzeuge und haben ihr Zerstörungswerk begonnen. Sie haben nicht nur auf Fabriken geschossen, sondern wahllos alles was ihnen unter die Flügel kam bombadiert. Meine Mutter hat sie nicht wollen, die Amerikaner. Sie haben uns zwar befreit, aber sie haben uns alles zerstört. Meine Mutter hat gesagt, sie könne nie wieder einen Kuckuck hören. Während der Angriffe hat die Erde gegrollt und gerollt, das Licht ist ausgegangen und nicht nur ich alleine habe geschrien. Ich habe meine Bruder gehaßt, der wollte immer, es möge noch lauter krachen.
Mein Vater 1930 geb. war sein Leben lang schweigsam, er hat nichts erzählt vom Krieg, er lebte damals mit seiner Mutter in Mödling . Nur dass er nach Kriegsende arbeiten hat müssen, zusammen mit anderen einen Tunnel graben, hat er mehrmals erwähnt. Und dass er eigentlich schon sehr tüchtig gewesen ist mit seinen 15 Jahren. Dass sein Vater 1942 am Steinhof zu Tode gekommen ist habe ich von meiner Mutter erfahren.
Der Weltuntergang war mir schon als Kind eine vertraute Vorstellung. Eine unbestimmte Angst und uferlose Traurigkeit etablierte sich als ein Teil meines Wesens soweit ich mir selbst erinnerlich bin. Das Leben war hinterlegt mit der Erfahrung der Unabänderlichkeit eines bodenlos tiefen Verlustes und des alles erfassenden Bedauerns darüber.
Mit lieben Grüßen
Silvia Jelinek

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