Frauen, Mütter, Kinder, Familiengeschichten
Meine schöne Kindheit in Velden
Von: Lore Murbacher, Jg. 1939 | 6. Mai 2025, 14:44
In Velden waren Engländer stationiert. Ich war damals 6, 7 Jahre alt. Goschert, wie ich war, bin ich zu ihnen rüber und hab gesungen: „My Bonnie lies over the ocean“, dann haben wir Schokolade bekommen und Bockshörndln und die ersten Orangen. Die Mutter hätte ohne weiteres bei den Engländern arbeiten können: Stenografie usw hätten sie brauchen können. Aber sie wollte bei uns bleiben und sagte, sie wolle sich den Engländern nicht auf den Schoß setzen. Wir haben 70 Schilling zu dritt gehabt, nach der Todeserklärung haben wir mehr gekriegt. Wir haben gut gelebt, wir haben vier Tennisplätze vor uns gehabt und haben als Ballmädeln einen Schilling die Stunde, dann zwei Schilling zu zweit. Dann sind wir jeden Tag ins Kino oder Eis essen gegangen, wir zwei Fratzen, statt unser geringes Einkommen aufzubessern. Ich habe am Bacherl Neunäugel mit der Hand gefischt. Wir Kinder hatten ein freies Leben damals in Velden. An den Vater haben wir nur hie und da gedacht. Kommt er vielleicht doch wieder, hat er vielleicht in Russland geheiratet oder ist er tot? Ich habe ihn nur 1,2 Mal gesehen, als er von der Front gekommen ist. Ich habe keine richtige Beziehung zu ihm aufbauen können, ich habe nie gewusst, wie es ist, einen Vater zu haben. Wenn es in der Schule geheißen hat, aufzeigen, wer keinen Vater hat, weil wer Leihbücher braucht, haben ein paar aufgezeigt. Das war keine Tragik für uns.
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