Beethovenbüste

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Schiller meets Beethoven meets ... YOU!

Ö1 sammelte klingende Freude von Ö1 Hörerinnen und Hörern. Das Ö1 Publikum war aufgerufen, drei Minuten Freude zu komponieren. Die besten Beiträge präsentiert Hans Georg Nicklaus in der Sendung "Ausgewählt“ am 7. Mai 2020.

Worüber freute sich eigentlich Schiller in seiner Ode „An die Freude“? Was gefiel Beethoven an Schillers Freudentaumel? Was ist eigentlich Freude? Nicht Glück oder Genuss, nicht Vergnügen oder Lust, nicht Giocoso/Spaß oder Allegro/Heiterkeit, sondern … Freude! Nicht leicht zu bestimmen, was Freude eigentlich bedeutet.

Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen. - Sigmund Freud

Schillers "Freude"

Friedrich Schiller dichtet im November 1785 seine Ode "An die Freude". Auf Einladung seines Freundes und großen Förderers Christian Gottfried Körner war er kurz zuvor nach Gohlis bei Leipzig, dann nach Dresden übersiedelt. Die Freundschaft mit dem Juristen und Schriftsteller Körner, dessen Förderung, die neue Umgebung und neue Kontakte in Leipzig und Dresden versetzten den finanziell schwer angeschlagenen Dichter in eine Hochstimmung. Anlässlich der Hochzeit seines Freundes widmet er die Ode "An die Freude" dem Brautpaar Gottfried und Minna Körner.

Anton Graffs Ölgemälde von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1791

Der Kontext von Schillers Ode, die auch als Trinklied bezeichnet wird, ist also die neu gewonnene Freundschaft zu Körner, der seine Dichtung verehrt und den damals 26-jähigen Dichter nachhaltig fördert und der Umstand dass Körner, der Schillers Ode eigentlich für seine Freimaurerloge haben wollte, eine nicht standesgemäße Hochzeit wagt zur Handwerkstochter Minna Stock. Schiller hatte ihn darin bestärkt. Förderung und Freundschaft und die Verbindung zweier Menschen aus Liebe bilden die biographischen Umstände zu Schillers "Freude", seiner persönlichen wie dichterischen.

Schiller über seine "Freude" und das "Elysium", das er Körner zu verdanken habe, in einem Brief an Gottfried Körner vom 11. Juli 1785:

Für Dein schönes und edles Anerbieten habe ich nur einen einzigen Dank, dieser ist die Freimütigkeit und Freude, womit ich es annehme. Niemals habe ich die Antwort gebilligt, womit der große Roußeau den Brief des Grafen Orlov abfertigte, der aus freiwilligem Enthousiasmus dem flüchtigen Dichter eine Freistätte anbot. In eben dem Maaße, als ich mich gegen Roußeau kleiner fühle, will ich hier größer handeln, wie er. Deine Freundschaft und Güte bereitet mir ein Elisium. Durch Dich, theurer Körner, kann ich vielleicht noch werden, was ich je zu werden verzagte. Meine Glükseligkeit wird steigen mit der Vollkommenheit meiner Kräfte und bei Dir, und durch Dich getraue ich mir, diese zu bilden. Die Tränen, die ich hier an der Schwelle meiner neuen Laufbahn, Dir zum Danke, zur Verherrlichung vergieße, diese Tränen werden wiederkommen, wenn diese Laufbahn vollendet ist.

WIEN MUSEUM / ORF/JOSEPH SCHIMMER

Ludwig van Beethoven, Radierung von Joseph Daniel Böhm

Beethovens "Freude" und "Verbrüderung"

Für den Philosophen Slavoj Zizek ist Beethovens Ode an die Freude eine "perverse Szene universeller Verbrüderung" - aber nicht nur! Beethoven sei nämlich zugleich ein Ideologe und ein Ideologiekritiker.

Slavoj Zizek weist darauf hin, wie sehr Beethovens "Ode an die Freude" für völlig gegensätzliche politische Regime und Überzeugungen gedient hat: die Nazis haben Beethovens Melodie ebenso für sich reklamiert wie die Sowjetunion, die Beethovens Ode geradezu zu einem kommunistischen Lied machte; ebenso war Beethovens Hymne während der Kulturrevolution in China willkommen, aber auch der Anführer der extrem linken Guerilla-Bewegung "Leuchtender Pfad" in Peru, Presidente Gonzalo, nennt Beethovens "Ode an die Freude" als seine Lieblingsmusik und schließlich wird dieselbe Musik die offizielle Hymne der EU.

So entsteht durch Beethovens Ode an die Freude eine "perverse Szene universeller Verbrüderung", in der sich extreme Feinde und gegensätzliche Standpunkte umarmen. Eine perfekte Ideologie: ein leerer Container, offen für alle Bedeutungen.

Aber so neutral, wie er scheint, ist dieser "Container" nicht. Zizek erinnert an eine Szene aus Stanley Kubricks "Clockwork Orange", in dem Beethovens berühmte Hymne erklingt, und fragt: gibt es jemanden, der aus dieser Verbrüderung prinzipiell ausgeschlossen ist?

Für Zizek reflektiert Beethovens Musik die Lüge dieser heilen Welt der Verbrüderung. In dem Moment, in dem die Musik in einen "karnevalesken" Rhythmus verfällt (Allegro assai vivace. alla Marcia), allen Charakter von hymnischer Freudenmusik abwirft, erinnere die Musik an jene, die ausgeschlossen sind aus der zuvor besungenen universellen Verbrüderung. Beethoven, ein Ideologiekritiker?

Zur Komposition

Beethoven komponiert seine Symphonie Nr. 9 in den Jahren 1821-24. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits fast vollständig taub. Anstoß war unter anderem ein Auftrag der London Philharmonic Society, die bereits 1817 Beethoven nach London einlud und zwei Symphonien bestellte. Die Reise kam nie zu Stande, aber Beethoven komponierte tatsächlich später für die Londoner Society eine Symphonie: seine „Neunte“, die bei der Londoner Erstaufführung 1825 aber wenig Begeisterung hervorrief und als zu schwierig galt. Aber London ist/war nicht Wien: Die Uraufführung in Wien ein Jahr früher, am 7. April 1824 im Wiener Kärntnerthortheater, löste große Begeisterung aus.

In der Musikwissenschaft wird betont, dass die Einführung eines Chores im letzten Satz (mit Schillers Ode "An die Freude") zwar für die Gattung ‚Symphonie’ ungewöhnlich war, aber im Hinblick auf die kompositorische Anlage, dem Verfahren, der Satztechnik nichts ungewöhnliches: die Kombination von Singstimmen im Chor und solistisch mit Orchester hatte bereits eine lange Tradition.

Beethoven komponiert gerade in den Jahren vor seiner "Neunten" viele solche Werke, allen voran die "Missa solemnis", aber auch das Theater-Festspiel "Die Ruinen von Athen" (nach einer literarischen Vorlage von August von Kotzebue, 1812), das später von Beethoven zur Wiedereröffnung des Josefstädter Theaters 1822 adaptiert wurde ("Die Weihe des Hauses"), außerdem sein Oratorium "Christus am Ölberg" und seine Kantate für Chor und Orchester "Meerestille und glückliche Fahrt" (1815).

Der Musikwissenschaftler Konrad Küster betont, dass nicht der chorisch verstärkte Dur-Schluss einer Moll-Symphonie hier so überraschend sein, als vielmehr die "Säkularisierung der Musik für Singstimmen und Orchester", die durch Beethovens Neunte und ihre Uraufführung gemeinsam mit Teilen der "Missa solemnis" ein bemerkenswerter Schritt war.

"(...) dass die Wiener Erstaufführung einzelner Sätze der „Missa solemnis“ 1824 im Kärntnertortheater stattfand, also (mit dem Bauchgrimmen der Polizeibehörde) Geistliches im weltlichen Ambiente verfügbar wurde. Auch dieses geistesgeschichtliche Klima also bestimmte den Rahmen dafür, dass Beethoven im Finale der 'Neunten' Lied (als Text) und Sinfonie zueinander in Beziehung setzte". - (Konrad Küster, in: Sven Hiemke (Hg.), Beethoven Handbuch, Kassel 2009, S. 126)

Der Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen betont in seinem neuen Buch zu Beethoven (L. v. Beethoven. Musik für eine neue Zeit. Kassel 2019), dass neben der Missa solemnis auch die Ouvertüre zur "Weihe des Hauses" bei der Uraufführung der Neunten gespielt wurde, womit Kirchenmusik, Symphonie und Theatermusik kombiniert wurde:

"Es liegt auf der Hand, dass diese Verbindung zweier symphonisch strukturierter Vokalwerke in einem Aufführungsrahmen, der Kirche, Konzertsaal und Theater übergreift, eine besondere Botschaft liegt."

Welche Botschaft? Kirche, Theater und Konzert in einer Musik, einer musikalischen Botschaft zu vereinen?

Beethoven skizziert selbst bereits 1817/18 (im Zusammenhang dem erwähnten Auftrag der London Philharmonic Society) die Idee, Chorgesang in eine Symphonie zu integrieren:

Frommer Gesang / in einer Sinfonie / in den alten Tonarten … entweder / für sich allein / oder als Einleitung / in eine Fuge … vielleicht auf diese Weise die / ganze 2te Sinfonie charakterisiert / wo alsdann im letzten / Stück oder schon im adagio / die Singstimmen eintreten …/ Oder das adagio wird auf gewiße weise im letzten / Stücke wiederholt wobey alsdann erst die Singstimmen / nach u nach eintreten …" - Skizzenblatt im Beethovenhaus Bonn (HCB Bsk 8/56)

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