Zeitschriften und Folder auf einem Tisch

ORF/ROSANNA ATZARA

Schwarzes Medien-Orchester

Das flächenmäßig größte Bundesland Österreichs hat keine eigene Tageszeitung. Eine Lücke, die das Land zu füllen weiß: mit einer Druckflut an Publikationen, die mit Steuermillionen finanziert werden.

Was für die meisten Österreicher eine Selbstverständlichkeit ist, wird den fast 1,7 Millionen Einwohnern Niederösterreichs wohl auch in Zukunft verwehrt bleiben: ein journalistisches Printprodukt, das täglich erscheint und unabhängig berichtet. "Dass es in Niederösterreich keine eigene Tageszeitung gibt, ist eigentlich nicht lustig", sagt Hubert Wachter, Journalist und Niederösterreich-Kenner. Das habe historische Gründe. Erst 1986 kam mit St. Pölten eine eigene Hauptstadt, der niederösterreichische Medienmarkt wird bis heute von Wien aus bestritten. "Was die Tagesaktualität angeht, ist Niederösterreich von Wien abhängig", erklärt Wachter.

Wiener Dominanz

Platzhirsch in Niederösterreich ist die Wiener "Kronen Zeitung" mit 32 Prozent Reichweite, gefolgt vom Gratis-Blatt "Heute" (20 Prozent Reichweite) und dem "Kurier" mit rund 14 Prozent. Zwar haben diese Zeitungen Niederösterreich-Teile, mit einer echten Landes-Tageszeitung ist dies freilich nicht zu vergleichen.

Deshalb kann die Leserschaft im Grunde nur auf eine regionale Wochenzeitung zurückgreifen – ein Alleinstellungsmerkmal, auf das die "Niederösterreichischen Nachrichten" (NÖN) stolz sind. Die NÖN sind das wichtigste niederösterreichische Kauf-Printprodukt – auch wenn die Gratis-Bezirksblätter der Regionalmedien Austria (RMA) ihnen mittlerweile den Rang abgelaufen haben, zumindest was die Reichweite angeht.

Ein attraktives Vakuum

Eine fehlende Tagespresse, eine mächtige, konservative Wochenzeitung in Kirchenhand – das sind von außen betrachtet perfekte Rahmenbedingungen für viel politische Einflussnahme. Die einstige Monopolstellung der NÖN machte die Wochenzeitung für die Politik besonders attraktiv. Die ÖVP regiert seit 1945, mitunter mit unglaublichen Mehrheiten. Die gibt es auch dank eines ausgeklügelten Meinungsmonopols, sagt Walter Naderer, fraktionsloser Landtagsabgeordneter – früher Team Stronach. Heute organisiert Naderer den Wahlkampf des Kabarettisten Roland Düringer.

Zeitschriftenspender/-regal

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Für ÖVP-Kenner Hubert Wachter liegt es auf der Hand, dass es im Interesse der Politik war, die Medien in Niederösterreich gewogen zu halten. Etwa mit gesponserten Beilagen und Kooperationen: "Die Volkspartei Niederösterreich hat natürlich sehr professionell und sehr rigide die öffentliche Meinung zumindest versucht für sich günstig zu stimmen. Und so ist es natürlich zu gegenseitigen Operationen und Aktionen gekommen. Ich würde aber nicht sagen, dass das eine Abhängigkeit in dem Sinn war, aber die Niederösterreichischen Nachrichten haben sich natürlich auch nach den Gegebenheiten gerichtet." Die politische Konkurrenz hat es da schon schwer, überhaupt vorzukommen, beklagt die niederösterreichische Opposition.

"Es gibt immer wieder Druckversuche"

Die neue Herausgeberin der NÖN, Gudula Walterskirchen, möchte die Vergangenheit nicht kommentieren. "Eine Zeitung hat zu berichten. Medien haben eine klare Rolle, und die Politik hat eine klare Rolle. Auf diese professionelle Rolle werde ich auch in Zukunft großen Wert legen. Da sind wir uns alle im Haus einig", sagt Walterskirchen. Versuche der Einflussnahme gebe es, aber das sei kein rein niederösterreichisches Problem.

16 Millionen Euro für Inserate

Finanzierte Beilagen und gemeinsame Aktionen sind das eine, klassische Inserate das andere. Seit 2012 müssen alle dem Rechnungshof unterstehenden öffentlichen Einrichtungen ihre Werbeschaltungen der Regulierungsbehörde RTR melden. Im Bundesländervergleich führt Wien mit eklatantem Vorsprung: Von Juni 2012 bis März 2017 hat die Stadt Wien 120 Millionen Euro in Form von Inseraten an Medien ausgegeben. An zweiter Stelle ist Niederösterreich, allerdings mit großem Abstand. Niederösterreich gab im selben Zeitraum 16 Millionen Euro aus, Oberösterreich 15,7 Millionen Euro. Im Pro-Kopf Vergleich (siehe Grafik) liegt Wien mit rund 66 Euro im selben Zeitraum vor Oberösterreich und Niederösterreich.

Inseraten-Ausgaben pro Kopf

Über 20 Landespublikationen

Die Lücke auf dem Tageszeitungsmarkt wird von Seiten des Landes zudem auf besondere Weise gefüllt: Denn Niederösterreich gibt auch jede Menge eigene Publikationen heraus. Für die drei Publikationen des Landespressedienstes fallen 4,3 Millionen im Jahr im Budget an. Das ist aber nur ein Teil dessen, was den Niederösterreichern in regelmäßigen Abständen per Post zugestellt wird. Über 20 verschiedene Produkte kann Walter Naderer aufzählen. Und für die seien im Budget 2016 noch einmal acht Millionen Euro zusätzlich angefallen. In den Publikationen wie "Leben in Stadt und Land" oder "Raum Dialog" kommen abwechselnd Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, ihr Stellvertreter Stephan Pernkopf, aber auch ÖVP-Chef Sebastian Kurz vor. Landesrätin Barbara Schwarz schickt regelmäßig zwei Familienmagazine und zwei Pflegezeitschriften in den Druck. Was davon Werbung fürs Land und was Werbung für die Volkspartei ist, das ist mitunter schwer zu unterscheiden. Aber auch ausgelagerte Einrichtungen wie die Landeskliniken leisten sich periodische Zeitschriften, in denen unzählige Fotos von ÖVP-Politikern abgedruckt werden.

Gestaltung

  • Rosanna Atzara

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