Im Gespräch mit Johann Baptist Metz
Der Schrei des leidenden Menschen
In welchem Maße darf und muss Theologie politisch sein? Nach Nationalsozialismus und Krieg vermieden die Kirchen jede Nähe zur Politik. Bis sich junge Theologen die Frage stellten, wie eine christliche Theologie nach Auschwitz aussehen kann.
8. April 2017, 21:58
Johann Baptist Metz, 1928 im bayerischen Auerbach geboren, entschließt sich nach einer traumatischen Erfahrung im Zweiten Weltkrieg zum Studium der Theologie. Sehr bald entdeckt er: Wer in der Welt leben und gehört werden will, muss sich auch theologisch mit dieser Welt auseinandersetzen. Renata Schmidtkunz führt das Gespräch mit dem Begründer der so genannten "politischen Theologie".
Renata Schmidtkunz: Sie haben Ihr Leben lang nichts anderes getan als Theologie zu betreiben. Das heißt die Theologie ist Ihnen nicht egal. Die Theologie ist die Rede oder die Lehre von Gott. Wer aber braucht in einer säkularisierten Welt - zumindest in unserer westlichen Welt, das muss man auch sagen - überhaupt noch die " Rede von Gott"?
Johann Baptist Metz: Ja der Mensch, meine ich, braucht sie. Und zwar berufe ich mich dabei auf die Tradition der so genannten Religionskritik selber. Die klassische Religionskritik, also seit der Aufklärung, die hatte ja den Eindruck, dass, wenn das Schwergewicht Gottes aus der Welt verschwindet, die Belastungen für den Menschen geringer werden und in Grunde genommen also dann der Mensch, der als freies Subjekt, als verantwortungsvoll Handelnder, wirklich überhaupt erst zu sich selber kommt.
Also die Freiheit des Menschen besteht darin, dass er ohne Gott sei? Das war die Auffassung?
Das war mehr oder minder die substantielle Freiheit, die wirklich, also nicht nur imaginiert ist, oder nur gewissermaßen verheißen ist, sondern die lebbar ist. Die wird also durch die Kritik der Religion, die auch die Kritik Gottes ist (bei Feuerbach zum Beispiel, und dann vor allem später bei Nietzsche), im Interesse des Menschen geleitet.
Jetzt kommt's darauf an, wie man diesen Menschen versteht. Und diese Frage wird innerhalb der Religionskritik zumindest seit Nietzsche auch gestellt. Denn er ist derjenige, der nicht nur den Tod Gottes verkündet hat. Sondern der darauf aufmerksam macht, dass das natürlich auch bedeutet, dass der Mensch sich ändert und der bisherige Mensch - also so wie er uns historisch vertraut ist... "Das muss weg!" heißt es bei Nietzsche.
Ich rede von Gott auch um des Menschen Willen. Und zwar weil ich die Frage von Nietzsche in seinem Sinn zunächst einmal verlängere. Seine war: "Wohin ist Gott?" Und die Antwort, die er selber schon implizit gibt, heißt: "Wohin denn der Mensch?"
Das Christentum muss sich heute einer Welt stellen, in der auch die Vernunft sich auf ein neues Niveau gestellt hat. Nämlich als eine Vernunft, die alle Menschen angeht, und die im Grunde genommen als Freiheit praktisch werden will und darin auch sich selber sucht. Und dort, wo diese Freiheit - und im Grunde genommen auch die Gerechtigkeit, weil es ja immer auch um die Anerkennung der Freiheit der anderen geht - von einer Religion nicht berührt wird in ihrer Aussage über Gott, dort muss sie ja scheitern an dem, was man die Moderne nennt. Die Frage ist: Haben wir es geschafft?
Hör-Tipp
Im Gespräch, Donnerstag, 6. August 2009, 21:01 Uhr
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CD-Tipp
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