Wo sich die Grazer Künstler trafen

Die Haring

Die Haring war ein legendäres Branntweinlokal in Graz, in dem sich die Literatenszene der Stadt traf. Vor 20 Jahren, als diese Sendung entstand, war es eines der letzten Biotope, in dem sich Grazer Originale, Studenten und Nachtschwärmer trafen.

Das kleine Lokal hatte schon um 10 Uhr Vormittag geöffnet.

Eine der ersten Ambiente-Ausflüge von Ursula Burkert und Silvia Lahner führte 1987 in die "Haring", eine legendäre Branntweinstube im Grazer Bermuderdreieck , die lange Zeit den Grazer Dichtern, Nachschwärmern und Originalen der nächtliche Treffpunkt war. Heute befindet sich an der Stelle dieser ehemaligen Kultstätte am Mehlplatz ein italienisches Lokal namens "il centro". Ein schönes Wortspiel, den für viele galt die Haring lange als das originäre Zentrum des Grazer Nachtlebens.

Bereits 1987 befand sich das Kultlokal in einem merkwürdigen Zustand, der Zwiespalt zwischen Mythos und Realität war nicht zu übersehen.

Kalmus und Schwedenbitter für den Magen

Einerseits erinnerten verwitterte Schilder mit Aufschriften, wie "Kenner bevorzugen meinen Bauern-Slibowitz und Obstbranntwein", "Für den Magen: Kalmus und Schwedenbitter" an die legendären Zeiten, an die Heldentage der Nachtschwärmer, als in der Haring nur Schnaps ausgeschenkt wurde.

Das Lokal war überraschend klein: ein dunkles Gewölbe mit einem alten Kachelofen, an der Wand kleine Fässer mit Rum und anderen Spirituosen. Den überschaubaren Raum trennte in der Mitte ein Tresen. So hatte man einen Schankbereich und das Hinterzimmer, einst Dependance für illustre Runden rund um Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch und H. C. Artmann.

Der Mythos um die Haring hat vermutlich Ende der 1960er Jahre seinen Höhepunkt erreicht. Der Ruhm der Branntweinstube drang dank der farbigen Schilderungen von H. C. Artmann auch bis Berlin vor. Peter Chotjewitz, der die Haring vermutlich nie von innen gesehen hatte, beschrieb das Lokal in seinem Buch "Die Insel - Geschichten über dem Bärenauge" in den schillerndsten Farben.

Das Fest zu Graz
Im vorderen Teil der Haring waren einige wenige Tische und Sesseln unsystematisch gruppiert. Stil: rustikal. Wer an der Bar stand, blieb nicht lange ohne Gesprächspartner. Die Haring war kein Lokal für schweigsame Zecher. Fremde wurden von Stammgäste in Gespräche, in Diskussionen verwickelt; und so wurden Fremde zu Stammgästen.

Herr Werner servierte den Grog, eine der Spezialitäten der Haring. Die Schnäpse und Liköre des Lokals wurden von ihm hergestellt - egal ob Kräuterlikör oder Knoblauchschnaps. Herr Werner war damals die Seele dieser so vielschichtigen Höhle inmitten der Grazer Innenstadt, die Ende der 1980er Jahre bereits als Pilgerstätte für jene galt, die in den 1960ern noch zu jung waren, um eine Branntweinstube zu besuchen.

Bei den Harings

Im Laufe des Nachmittags füllte sich die Haring langsam. Der Platz an der Schank wurde knapp. Bier‚ Schnaps, Wein, Grog, und Kalmus hingegen gab es ausreichend. Dann war da noch Frau Gerti, die Kellnerin: "Früher, bei den Vorbesitzern, den Harings, war das meiste Geschäft tagsüber", wusste sie zu berichten.

Dieser Rhythmus galt Ende der 1980er nicht mehr. Erst gegen Mitternacht war das Lokal überfüllt und der Alkohol regierte das Geschehen. Wer gekommen war, um den Exzessen berühmter Literaten beizuwohnen, der hatte sich um 20 Jahre verspätet. Wer hingegen einen ungewöhnlichen Abend in einem skurrilen Branntweinlokal verbringen wollte, kam vermutlich auf seine Rechnung.

Was war 1987 über die Haring zu erzählen? Ein Schild, das nahe der Tür hing, brachte die Philosophie des Lokals wohl auf den Punkt: "Naturverbundne Kraft ruht in der Früchte Saft". Ob dies auch für das Restaurant "il centro" gilt, entzieht sich unserer Kenntnis.

Hör-Tipp
Ambiente, Sonntag, 21. Jänner 2007, 10:06 Uhr

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