Musik-Foren im Netz

Im World Wide Web treffen sich Experten und Musikliebhaber zum Gedankenaustausch. Der kann sehr intensiv werden, wenn etwa Kritiker kritisiert oder Notenausgaben diskutiert werden. oe1.ORF.at beobachtet die wichtigsten Klassik-Foren.

Wie gefiel das Neujahrskonzert? Im Zeitalter des Internet ist man nicht mehr auf unfehlbare Kritiker-Päpste angewiesen, die dem Publikum erklären, was es gehört hat. Jüngstes Beispiel: Schon während des Neujahrskonzerts diskutierte man in den einschlägigen Klassik-Foren Zubin Mehtas Walzerinterpretationen.

Jeder ist im Forum seine eigene Autorität. Kritische Äußerungen müssen sich, im Gegensatz zur professionellen Zeitungs-Kritik, sofort selbst der kritischen Öffentlichkeit stellen. Eines der wichtigsten deutschsprachigen Foren ist das österreichische Tamino Klassikforum.

"Steif" oder "wunderschön entspannt?"

Im Tamino-Forum kristallisieren sich in Rede und Gegenrede die Meinungsextreme zum Neujahrskonzert heraus - von "sehr steif und wenig flüssig" über "es hat mich angeödet" bis zu gut begründetem Lob: "Mehta kommt in den letzten Jahren einem wirklich wienerischen Klang mit Abstand am Nächsten", meint etwa User Theophilus, "das diesjährige Neujahrskonzert war wunderschön entspannt musiziert, viel wienerischer als Jansons letztes Jahr."

Auch Willy Boskovskys klassische Neujahrskonzerte werden zum Vergleich herangezogen: "Dass auch Boskovsky 'leichter' dirigierte, will ich nicht abstreiten, aber kontrastreicher würde ich nicht unterschreiben", so Theophilus.

Nannerl als Komponistin

Auch das jüngst aufgetauchte mutmaßlich von Wolfgang Amadeus Mozart stammende Klavierwerk wird kontrovers diskutiert. Eine Debatte über Mozarts Schwester Nannerl als Komponistin entspinnt sich, zitiert wird ein Brief Mozarts an seine Schwester Nannerl vom 19. Mai 1770:

Der 12te Menuett von Haydn, den Du mir geschickt hast, gefällt mir recht wohl, und den Baß hast Du unvergleichlich dazu componirt, und ohne mindesten Fehler. Ich bitte Dich, probire öfter solche Sachen.

Lieblingskritiker

Auch nach dem Lieblingskritiker der Online-Gemeinde wird gefragt. "Ganz generell ziehe ich im Printbereich deutsche Medien (FAZ, SZ) den heimischen vor", erklärt User martello, "weil dort einfach Platz genug gegeben wird, um substanziell auf die wichtigsten Beteiligten und (wenn gegeben) auch auf die Inszenierung einzugehen."

Mit Edwin Baumgartner, Kultur-Chef der "Wiener Zeitung", beteiligt sich auch ein Kritiker an der Debatte: "Wenn man sich in Sachen Musik nicht mehr erhitzen kann, sondern nur mit Blick über den oberen Brillenrand hinweg doziert, wird's relativ langweilig."

Die absurdesten Plattencovers

Blechbläser bloßfüßig in einem Bächlein watend, Bryn Terfel als Händel, Karajan beim Segeln, Fliegen, Wandern und Motorradfahren - im Tamino-Forum werden die witzigsten und skurrilsten Platten- und CD-Covers gesammelt. Eine sehenswerte Kollektion.

Wer nach bestimmten Themen sucht, ist mit dem Thread-Directory bestens bedient. Es ist geordnet nach Komponisten und ihren Werken, Dirigenten, Interpreten, Gattungen, Labelvorstellungen, Musikliteratur und HiFi für Klassikfreaks.

Kontroversen um Bruckners Neunte

Ein für Brucknerfreunde spannender Thread entwickelt sich um die spannende Frage nach der Vollendung von Bruckners Neunter. Der Musikwissenschaftler und Bruckner-Herausgeber Ben Cohrs initiierte eine höchst detailgenaue Debatte um die verschiedenen Fassungen von Bruckners nicht vollendetem vierten Satz seiner letzten Symphonie. "Die insgesamt wohl mehr als 600 Takte umfassende Komposition war ursprünglich viel weiter gediehen als erhalten und offenbar bis zum Sommer 1896 weitgehend fertig", so Cohrs, die Arbeit sei jedoch nach seinem Tod fragmentiert worden.

Der Musikwissenschaftler hat verschollen geglaubte Notenblätter wieder zusammengefügt und stellt sich im Forum der Diskussion: "Wenn auch im heute erhaltenen Material ein Schlussstrich nicht mehr dokumentiert ist, haben wir doch eine recht gute Vorstellung von der Gesamtgestalt des Finalsatzes", betont Cohr. Bruckner selbst hatte gewünscht, die Neunte mit dem Te Deum zu beschließen, falls er den instrumentalen Schlusssatz nicht beenden könnte.

"Hier (...) haben wir ein Thema, das sehr kostbar ist", betont Alfred Schmidt, der Administrator des Forums. "Man stelle sich vor, wir hätten Gelegenheit gehabt, mit den Restauratoren von Mozarts Requiem zu diskutieren - im Falle Bruckners Neunter haben wir es."

Mehr zu Klassikforen im Internet in oe1.ORF.at

Hör-Tipp
Apropos Musik. Das Magazin, Sonntag, 7. Jänner 2007, 15:06 Uhr

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Links
Tamino Klassikforum
Tamino Klassikforum - Neujahrskonzert 2007
Tamino Klassikforum - Unbekanntes Klavierwerk von Mozart
Tamino Klassikforum - Wer ist euer Lieblingskritiker?
Tamino Klassikforum - Die witzigsten Covers
Tamino Klassikforum - Die skurrilsten Covers
Tamino Klassikforum - Thread-Directory
Tamino Klassikforum - Bruckner IX. Finale