AMS-Aktion für Wiedereinsteigerinnen ins Berufsleben

"Gratis-Weihnachtsengerln" für den Handel

Schon im Sommer brachte das AMS Arbeitslose bei großen Handelsketten unter, indem es die Lohnkosten übernahm. Im Weihnachtsgeschäft gibt es eine ähnliche Aktion. Kritiker sprechen von Subventionierung des Handels ohne Effekt für die Beschäftigung.

Pro und Contra der AMS-Eingliederungsversuche

Es gibt sie - die "Weihnachtsengerln", und das sogar "gratis". Sie sind zwar - was Engel so an sich haben - kaum zu erkennen, sie haben sich aber in niederösterreichischen Kaufhäusern für vier Wochen unter das angestammte Handelspersonal gemischt. Die Rede ist von etwa 100 Frauen, Wiedereinsteigerinnen, vom Arbeitsmarktservice vermittelt, mit Dienstvertrag versehen und kollektivvertraglich entlohnt.

"Engerln" sind sie wohl am ehesten im Hinblick auf ihre Arbeitgeber: denen nehmen sie nämlich Arbeit ab, ohne sie auch nur einen Cent zu kosten. Denn das AMS übernimmt für sie sowohl Lohn- und damit auch Lohnnebenkosten in voller Höhe.

Schlag ins Wasser

Arbeiterkammer und Gewerkschaft kritisieren die AMS-Initiative als "unvertretbare Geschenke an den Handel". Die Kritik setzt nicht allein am niederösterreichischen Modell an, sie greift auch zurück auf zwei ähnliche Aktionen in Wien und in der Steiermark im Sommer dieses Jahres: Auch dort waren Wiedereinsteigerinnen befristet auf wenige Wochen großteils im Handel, zu einem geringeren Teil auch in anderen Branchen wie etwa der Reinigung, angestellt worden - in der Steiermark mit einer Weiterbeschäftigungsquote von 39 Prozent, in Wien mit einer Quote von 19 Prozent.

Josef Wallner, AK-Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik, spricht von einem "echten Schlag ins Wasser". Normalerweise müsse die Wiedereingliederungsquote nach absolvierten Maßnahmen des AMS um die 60 Prozent betragen. Das AMS meine allerdings, eigentlich würden 20 Prozent genügen, und in Niederösterreich werde kommuniziert, dass man überhaupt nicht erwarten könne, dass hinterher irgendwer beschäftigt werde.

Unvertretbare Geschenke

Nach Ansicht Wallners müsse man außerdem damit rechnen, dass auch andere Unternehmen kämen, um an der allgemeinen Geschenkverteilaktion beteiligt zu werden. "Mehrfachsupergeschenke ohne Gegenleistung, finanziert aus öffentlichen Töpfen", fasst er daher seine Kritik an den AMS-Aktionen zusammen:

"Es wird erstens dem Unternehmer das Personal ausgewählt, es wird ihm zweitens eine passgenaue Schulung finanziert, und dann bekommt er als Überdrüberleistung auch noch den vollen Lohn gezahlt. Und wozu ist er verpflichtet? Zu gar nichts. Von einem Arbeitssuchenden wird erwartet, dass er mitarbeitet, sonst erhält er eine Sanktion. Und das wird vom AMS absolut exekutiert. Wir erwarten vom AMS, dass es auch von den Arbeitgebern adäquate Gegenleistungen einfordert.“

Durchaus erfolgreiche Aktion

Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der österreichischen Wirtschaftskammer, hält hingegen die bisherigen Aktionen für "durchaus erfolgreich“, wenn auch unterschiedlich. Für ihn handelt es sich um "Versuchsprojekte, eine gute Methode, um einen neuen Weg zu finden.“

Beim AMS in Wien, das die Weiterbeschäftigungsquote der gesamten Aktion nicht wie Arbeiterkammer und ÖGB mit 19, sondern mit 26 Prozent beziffert, spricht man ebenso von einem "nachhaltigen Erfolg". Ein Interview will man nicht geben, weil die Aktion abgeschlossen sei, so Pressesprecher Hans-Paul Nosko.

Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Karl Fakler, stellvertretender Geschäftsführer der AMS-Landesgeschäftsstelle Niederösterreich, erklärt, das AMS reagiere in erster Linie auf Arbeitsmarktverhältnisse und versuche, die Herstellung von Chancengerechtigkeit für Frauen zu unterstützen, und zwar nicht mit der Brechstange, sondern durch Anreize.

Auf den Einwand, dass die Unternehmen eher auf qualifizierte Fachkräfte zurückgreifen und hier auch wegen der Vielzahl an Arbeitssuchenden auswählen können, meint er, die Aktion habe sich bewusst an Frauen gewandt, die keine fundierte Ausbildung haben. Außerdem gehe es bei dieser Initiative nur um 80 bis 90 Betriebe und etwas mehr als 100 Frauen: "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, der auch nicht die generelle Politik des AMS ausdrückt."

Alternativen zur Wiedereingliederung

Wegen der mangelnden Kinderbetreuungsangebote und der familienfeindlichen Ladenöffnungszeiten im Handel sollte das AMS betreffs Frauenförderung an einem anderen Punkt ansetzen, meint Ingrid Moritz von der Arbeiterkammer. "Der 'Joker' sollte Frauen in die Hand gegeben werden, sagt sie. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, in Bewerbungsgesprächen auf Eingliederungshilfen des AMS hinzuweisen, sollte der Arbeitgeber auf den Wunsch nach familienfreundlichen Arbeitszeiten oder andere bestimmte Bedingungen eingehen.

Martin Gleitsmann verweist unter anderem auch auf das Modell der Implacement-Stiftungen, im Rahmen derer Unternehmen mit dem AMS einen Arbeitssuchenden für ihre Bedürfnisse gezielt auswählen und aus- oder weiterbilden.

Arbeitgeber positiv gestimmt

Für die Schulung von 175 Wiedereinsteigerinnen und im Anschluss daran für die Beschäftigung von 101 geschulten Frauen bezahlt das AMS Niederösterreich 450.000 Euro. Die Unternehmer wissen dieses Entgegenkommen zu schätzen. Man hätte sofort eine Personenauswahl und müsste sich nicht länger via Zeitungsannoncen darum bemühen, argumentiert etwa eine Unternehmerin aus Gänserndorf. Auch einen finanziellen Ersatz für den überkommenen Probemonat sehe sie nicht.

Nach Auskunft des AMS Gänserndorf ist es übrigens bei dieser an sich befristeten Aktion möglich, bei Personen mit lang bestehender Arbeitslosigkeit noch eine mit maximal sechs Monaten befristete Einstellungsbeihilfe in Höhe von bis zu 50 Prozent der Lohnkosten anzuhängen. Rudolf Kaske, Chef der neuen Gewerkschaft Vida, meint hingegen, die Entscheidung über derlei Aktionen sollte künftig von Länder- auf Bundesebene übergehen, wo die Förderrichtlinien geändert werden müssten.

Hör-Tipp
Journal-Panorama, Donnerstag, 21. Dezember 2006, 18:25 Uhr

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