Podiumsdiskussion im mica
Platz für Pop!
Was macht Wien für die Pop-Musik? Was wünschen sich Musiker aus dem Pop-, Independent- und Club-Bereich von der Politik? Subventionen fließen spärlich, Ansprechpartner zeigen wenig Verständnis und Vorschriften werden als Schikanen empfunden.
8. April 2017, 21:58
Die Diskussion zum Nachhören
"Auch Pop-Musik ist eine Form von Kultur und Kunst." Auf diese scheinbare Selbstverständlichkeit wies Musiker Chris Gelbmann bei einer Podiumsdiskussion im Music Information Center Austria (mica) hin.
Unter dem Motto "Platz für Pop - Freie Spielstätten für österreichische Musikschaffende abseits des Mainstreams" diskutierten Musiker und Organisatoren im mica die Frage, wie es in Wien um die Pop-Kultur steht. Neben einer Bestandsaufnahme aktueller Probleme wurden dabei auch Forderungen an die Politik gesammelt.
Massives Brodeln
Es gäbe ein "massives Brodeln" in der Wiener Szene, berichtete Veranstalter Stefan Parnreiter über das "riesengroße kreative Potential" in Wien. Trotzdem werde von den meisten Veranstaltern kaum österreichische Musik gebucht.
Tanja Bednar, die unter anderem einen Club in der Künstlerhaus-Passage organisiert, kritisierte die aufwändigen Genehmigungsverfahren und schikanöse Vorschriften für Veranstaltungen. Als Veranstalter sei man oft gezwungen, am Rande der Illegalität zu wandeln. Oder Lobbying-Arbeit zu betreiben: "Entweder man hat Freunde in der Stadt Wien oder man kann's vergessen", so Bednar lakonisch.
"Nicht so viel verhindern"
Uli Hilger, professioneller Booker, pflichtete dem bei: "Wir erwarten uns gar nicht so arg viel Unterstützung, es wäre schon einmal schön, wenn nicht so wahnsinnig viel verhindert werden würde." Subventionsgelder für Veranstaltungshäuser würden oft nicht bei heimischen Musikern ankommen, sondern bei ausländischen Acts.
Chris Gelbmann vom Label "Buntspecht" stimmte zu: "Ich würde mir eine Kulturpolitik wünschen, die die Infrastrukturen so unterstützt, dass die Gelder wieder zurückfließen ins eigene Land, zu den eigenen Musikern." Politik und Medien müssten ihre Rolle als Stimulanten der Szene in größerem Maße wahrnehmen. Zudem bräuchten junge Musiker Hilfestellungen und Coaching im wirtschaftlichen Bereich.
"Nicht nur Mozart in Wien"
Zudem wurde von den Branchenkennern kritisiert, dass Creative-Industries-Programme nur für Firmen zugänglich seien, kleinere Vereine würden hier durch die Finger schauen. Michael Gaissmaier von Mami Marketing ritt eine polemische Attacke gegen die Politik.
Es gäbe in Wien nicht nur Mozart, so Gaissmaier, Musiker der Band Heinz, "und die verantwortlichen Leute wissen das nicht mal". Etwa in Schweden habe man schon früh verstanden, dass geförderte Pop-Musik langfristig auch wirtschaftlich prosperiert.
Kompetentere Ansprechpartner
Behördenschikanen bei der Organisation von Veranstaltungen wurden auch in einer weiteren Diskussionsrunde kritisiert. Vertreter der Experimental- und Underground-Szene wünschten sich zudem kompetentere Ansprechpartner auf Seiten der Subventionsgeber. Der Kulturpolitik-Ansatz von Politikern und Beamten der Stadt Wien komme aus den 50er und 60 Jahren, so Peter Nachtnebel vom ruin-Festival. Überkommene Begriffe wie "volksbildnerisch" und "bürgerliche Nischenkultur" würden benutzt: "Sie müssten Seminare machen, um sich damit auseinander zu setzen, wie Kulturpolitik im 21. Jahrhundert aussehen sollte", forderte Nachtnebel von den Verantwortlichen.
Patricia Enigl vom temp-Festival wies auf die für kleine Veranstalter schwierige Steuersituation hin. Ihre Forderung: Befreiung von AKM-Gebühren und von der 25-prozentigen Vergnügungssteuer. Martin Wagner vom Wiener Szene-Lokal fluc könnte sich eine Evaluation im Sinne der Wiener Theaterreform vorstellen: "Was wird gefördert und wer wird schon wie lang gefördert, wo sind Strukturen, die man übersieht? So eine Studie würde mich sehr interessieren."
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