Oho Reinhold

Die Literaturkritik erschaudert beim Namen Bilgeri. Der Ex-Austropopper hat ein Buch veröffentlicht - und mittlerweile auch verfilmt -, immer noch hat es von den Experten kaum einer gelesen. Über zu wenig Leser kann Bilgeri sich indessen nicht beklagen.

Der ehemalige Professor für Deutsch und Philosophie und noch einiges, der ehemalige Rockbarde von langer Vorarlberger Haarigkeit und internationaler Bekanntheit, der sich dann auch mal zurückzog, um bei seinem Kind zu sein, hat nun also - vor einem Jahr - ein Buch veröffentlicht. Ich finde, es ist ihm gelungen. Aber wer bin schon ich?

Unsportliche Kritik
Ich räume ein, dass Reinhold Bilgeris Roman "Der Atem des Himmels" in einer Sprache geschrieben ist, die einen übersatt zurücklassen kann. Die Bilder sind üppig, die Personen sind von allen Seiten beleuchtet, die Geschichte spielt im Großen Walsertal. Man kann Bilgeri ja so viel vorwerfen. Und man tut es auch: Ein Dutzend Germanisten und/oder Literaturkritiker, die ersucht wurden, einen Kommentar zu dem Roman abzugeben, verweigerten, weil sie ihn nicht gelesen hatten und auch niemals lesen wollten. Ich finde das unsportlich und vor allem bedauerlich, nicht für mich (man weiß sich schon zu helfen), sondern für die Verweigerer selbst.

Bilgeri ist nicht Bohlen!

Denn so ein Anlass bietet sich nicht alle Tage: Ein Mann, den die meisten aus dem Radio kennen, kommt und sagt, er hätte Literatur geschrieben. Wie gehen wir damit um, meine Herren und Damen aus dem Feuilleton? Wenn das Peter Huemer wäre? Wenn das Andras Schiff wäre? Wenn das Franz Schuh wäre? - Und wenn es nun jemand ist, der dreißig Jahre lang gut gemachte Popsongs zum Besten gab? Wie stehen wir populären Autoren gegenüber? Wie stehen wir zumal solchen gegenüber, die wir immer - sehr zu unrecht - für ein bisschen beschränkt gehalten haben? Woher beziehen wir unsere Maßstäbe? Bilgeri ist nicht Bohlen!

Schon wartet der Film zum Buch

Ein Mann, den die meisten dank seiner Songs kennen - vor allem "Video Life" und "Some Girls Are Ladies" -, hatte sich vorgenommen, einen Roman über eine Lawinenkatastrophe im Jahr 1954 zu schreiben, in welchem es auch um die Geschichte einer Liebe gehen würde. Er recherchierte am Schauplatz, interviewte Hinterbliebene und Überlebende, wob die eine oder andere biografische Begebenheit ein (Bilgeris Mutter stand für die Heldin Porträt, die männliche Hauptfigur setzt sich überhaupt aus mehreren realen Personen zusammen) und schrieb einen detailreichen, bisweilen berührenden Roman, der sich für österreichische Verhältnisse gar nicht übel verkauft. Gerade erst wurde er von jenen Leuten, die Michael Hanekes Filme produziert haben, verfilmt; Budget: mehrere Millionen.

Wie alle Bücher

Ein Mann, dessen erste Gehversuche als Schriftsteller Jahrzehnte zurückliegen, setzt sich hin und schreibt in acht Monaten ein Buch, dessen Leser meist Leserinnen sind, die gewiss nicht die gewagten Experimente in der Literatur suchen - die vielleicht bei Donauland einkaufen? Hier ein kleines, sehr grundlegendes "Na, und?" Ich habe bei meiner Donaulandfiliale schon zwei Mal ein Buch von einem Autor gesehen, den ich gut finde.

"Der Atem des Himmels" besteht nicht aus dem, was man hohe Literatur nennt; das Buch hat Längen und interessante Passagen wie alle Bücher, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe; es beschreibt eine Zeit, die ich nicht erlebt habe, wie fast alle Bücher. Die Liebesgeschichte kündigt sich beim ersten Kontakt der Hauptfiguren an und bleibt dann dennoch spannend. Würde Ihr Dorf von Lawinen verschüttet, wären Ihre Liebesgeschichten auch spannend; man kann das als "erzähltechnischen Trick" hervorheben. Oder schweigen.

Service

Buch Reinhold Bilgeri, "Der Atem des Himmels", Molden Verlag