Nobelpreisträger Nagib Mahfus gestorben

Der ägyptische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus (94) ist tot. Das bestätigte ein Arzt im Polizei-Krankenhaus im Kairoer Stadtteil Aguza, in dem der Romanautor seit Juli behandelt worden war.

Der ägyptische Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfus (94) ist tot. Das bestätigte am Mittwoch ein Arzt im Polizei-Krankenhaus in Kairo, in dem der Romanautor seit Juli behandelt worden war. Die Ärzte hatten in den vergangenen Wochen erklärt, die Ursache für seine gesundheitlichen Probleme sei letztlich Altersschwäche. Er sei zu schwach, um zur Behandlung ins Ausland gebracht zu werden. Das hätte Mahfus vermutlich auch nicht gewollt, der das Reisen nie gemocht hat.

Mahfus war bereits Mitte Juli nach einem Sturz ins Krankenhaus eingeliefert worden, bei dem er sich eine Kopfverletzung zugezogen hatte. Er wurde wurde zuletzt unter anderem wegen Nieren- und Lungenproblemen behandelt.

Der Autor wird am Donnerstag in Kairo mit militärischen Ehren beigesetzt. Das Totengebet soll in einer großen Moschee außerhalb seines letzten Wohnviertels Aguza abgehalten werden.

Durchbruch mit Kairoer Trilogie
Der 1911 in Kairo geborene Autor Nagib Mahfus hat um die 50 Romane verfasst, berühmt wurde er mit seiner großen Trilogie über das Leben in der ägyptischen Hauptstadt Kairo in den Jahren 1917 bis 1944: "Zwischen den Palästen", "Palast der Sehnsucht" und "Zuckergässchen" erschien 1956/57 und brachte ihm den ägyptischen Staatspreis für Literatur ein. 1988 erhielt Mahfus den Nobelpreis für Literatur.

Kein Verständnis für islamische Eiferer

Als toleranter Moslem hat Nagib Mahfus für islamische Eiferer, die ihre Weltsicht mit Gewalt verbreiten wollen, keinerlei Verständnis. 1994 wurde der wegen seiner kritisch-analytischen Werke oft von der ägyptischen Zensur und auch von den Moslembrüdern attackierte Autor selbst zum Opfer fanatischer Islamisten. Zwei Attentäter stachen den betagten Romancier vor seiner Wohnung im Kairoer Stadtteil Agouza nieder. Von den Verletzungen hatte sich Mahfus nie vollständig erholt. Traf er sich früher gern in einer Cafeteria mit Freunden, so suchte er danach aus Sicherheitsgründen lieber Hotels auf, die gut bewacht waren.

Anders als in Algerien hätten in Ägypten die Fundamentalisten nicht die "Sympathien der Massen", konstatierte Mahfus damals. "Dem Terror ist in Ägypten das Rückgrat gebrochen, weil die Bevölkerung nicht mitspielt." Vom Krankenbett in Kairos Polizeihospital hatte Mahfus damals seine Schriftstellerkollegen aufgefordert, sich durch eine "Handvoll Mörder" nicht einschüchtern zu lassen und das Volk über die "wahren Werte des Islam" aufzuklären. "Wer sich jetzt einen Maulkorb anlegt", sagte Mahfus, "belohnt den Terror."

Vom Beamten zum Schriftsteller
Nagib Mahfus arbeitete nach seinem Studium zunächst als Beamter. Seine schriftstellerische Karriere begann er 1933 mit einigen Novellen. Die große Kairoer Trilogie wurde 1956/57 veröffentlicht und brachte ihm den Durchbruch.

Schon vor der Verleihung des Nobelpreises, den er aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich in Stockholm in Empfang nahm, war er in seiner Heimat ein gefeierter Autor. Zu seinen bekannten Werken, in denen Sozialkritik mit psychologischem Einfühlungsvermögen einhergeht, gehören "Der Dieb und die Hunde" und "Die Kinder unseres Viertels".

Viele seiner Werke liegen auch in deutscher Übersetzung vor. Vor allem in seinen frühen, dem sozialen Realismus verschriebenen Romanen und Erzählungen verstand es Mahfus wie kaum ein anderer ägyptischer Autor, die verschiedenen Kairoer Milieus darzustellen.

Hinwendung zur symbolische Gestaltung
Seit Ende der 1950er Jahre finden sich in den Romanen des Schriftstellers auch Anklänge an eine mehr symbolische Gestaltung, so auch in seinem wohl umstrittensten Roman "Die Kinder unseres Viertels" von 1959. Das Werk über den Widerstreit von Wissen, Glaube und falschen Heilslehren hat dem sehr eng mit seiner Heimat verbundenen Autor mehr Ärger beschert als jedes andere. Einige Kritiker stuften es gar als "gotteslästerlich" ein.

Wie aktuell die Bücher von Mahfus heute noch sind, zeigt eine Polemik, die im Frühjahr 2000 um eine Radioversion einer Episode aus dem Buch "Die Kinder unseres Viertels" entbrannte. Einige ägyptische Intellektuelle empfanden es als Schande, dass man das Werk vor Beginn der Produktion der Radioserie erneut den Religionsgelehrten der islamischen Al-Azhar Universität zur Prüfung vorlegte.

Große Anteilnahme
Ägyptens Präsident Husni Mubarak sprach Mahfus Familie sein Beileid aus und lobte den Verstorbenen als großen Literaten, der immer für Toleranz geworben habe. Die Arabische Liga erklärte, Mahfus sei "die Nummer eins unter den arabischen Romanautoren" gewesen.

Für Mahfus' Freund und Schriftstellerkollegen Gamal al-Ghitani war er die Verkörperung des "guten Mannes", der die Menschen durch Weisheit und Bescheidenheit für sich einnimmt.

Der amerikanische Präsident George W. Bush hat Mahfus als außergewöhnlichen Schriftsteller gewürdigt, dessen Romane und Kurzgeschichten alle Klischees überwunden hätten. Mahfus sei ein außergewöhnlicher Künstler gewesen, der den Reichtum der ägyptischen Geschichte und Gesellschaft der Welt vermittelt habe.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich bestürzt über den Tod des bedeutenden Schriftstellers. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier würdigte Mahfus Einsatz für Frieden und Toleranz. Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun bezeichnete den Verstorbenen als "mutig und visionär".

Service

Nagib Mahfus, "Der Dieb und die Hunde", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293200273

Nagib Mahfus, "Der letzte Tag des Präsidenten", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293002889

Nagib Mahfus, "Der Rausch", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293003184

Nagib Mahfus, "Die Kairo Trilogie", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293203140

Nagib Mahfus, "Die Kinder unseres Viertels", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293200508

Nagib Mahfus, "Die Midaq-Gasse", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293200087

Nagib Mahfus, "Die Reise des Ibn Fattuma", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293003370

Nagib Mahfus, "Spiegelbilder", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag, ISBN 3293003060

Nobelprize.org - Nagib Mahfus
Unionsverlag - Nagib Mahfus
wikipedia - Nagib Mahfus