Giuseppe Taddei zum 90er

Über sechs Jahrzehnte dauerte seine internationale Karriere, rund 45 Jahre sang er in Wien: Giuseppe Taddei, der unverwechselbare Gestalter. "Der Falstaff, den er für mich sang, war die vollkommenste Gestaltung eines Menschenschicksals", so einst Karajan.

Für viele - vor allem aus meiner Generation - scheint es fast unglaublich: Giuseppe "Pino" Taddei soll diesen Monat tatsächlich schon 90 werden? Wie gestern scheint es uns, dass wir ihm zwar ständig, aber doch viel zu wenig in der Staatsoper begegnet sind. Als brutalem Polizeichef Scarpia in "Tosca", als pfiffig-schlauem Dulcamara im "Liebestrank", als liebendem Vater in "Luisa Miller" oder "Rigoletto", als Mozart-Figaro oder Leporello. Alles unverwechselbare und - meines Erachtens - unerreichbare Interpretationen!

Schon allein statistisch gesehen kann dieser Künstler als einmalig gelten: Weit über sechs Jahrzehnte ist er auf den Opernbühnen der Welt aufgetreten, sein Repertoire umfasste über 150 Rollen, fast 45 Jahre lang wurde er an der Wiener Staatsoper bejubelt und das bis zuletzt ausschließlich in den größten und bedeutendsten Partien seines Faches.

Grenzenloses Repertoire

Dabei kannte das Repertoire Taddeis praktisch keine Grenzen. Musikalisch an erster Stelle stand wohl stets sein Lieblingskomponist Giuseppe Verdi, er galt aber ebenso als absolut stilsicherer Mozart-Interpret, hat auch Barock- und Belcanto-Partien verkörpert.

Und er war ein Spezialist des Verismo und in seiner Heimat Italien - solange man Wagner dort Italienisch sang - einer der profiliertesten Wagner-Interpreten seiner Zeit.

Gebürtiger Genuese

Am 26. Juni 1916 in Genua geboren, hat Giuseppe Taddei den größten Teil seiner Jugend auf der Insel Elba verbracht. Seine Berufung ist schon ziemlich früh festgestanden: Er wollte zur Bühne, wollte Sänger werden, seit er mit fünf Jahren erstmals Bühnenluft geschnuppert hatte.

Mit 19, nach wenigen Studienjahren am Konservatorium in Genua, wurde es dann wirklich ernst. Taddei beteiligte sich an einem Gesangswettbewerb der Römischen Oper und gewann auch, übrigens neben keinem Geringeren als Mario del Monaco.

Debüt mit "Lohengrin" unter Serafin

Damit hatte er bereits seinen ersten Vertrag in der Tasche, wenig später debütierte er an der Römischen Oper als Heerrufer im "Lohengrin" mit Tullio Serafin am Pult. Serafin, der für das Operngenre vielleicht bedeutendste Dirigent des 20. Jahrhunderts, war damals Opernchef in Rom und hat sofort die Karriere des jungen Eleven in die Hand genommen.

Die Basis für seine Laufbahn war geschaffen, als plötzlich die Kriegsereignisse eskalierten und Taddei sich in deutschen Lagern wieder fand. Auf abenteuerlichen Wegen schlug er sich schließlich nach Salzburg durch, wo ihn die Amerikaner sofort mit offenen Armen aufnahmen und für unzählige Truppenbetreuungskonzerte engagierten.

In Salzburg von Karajan entdeckt

In Salzburg hat ihn auch Karajan entdeckt, von dort kam er 1946 erstmals an die Wiener Staatsoper. Einer der größten Triumphe in der Karriere Taddeis wurde dann nicht weniger als 35 Jahre später, ebenfalls in Salzburg, seine Falstaff-Interpretation unter Herbert von Karajan, der über seine Zusammenarbeit mit Taddei 1984 Folgendes schrieb:

"Gleich groß als Sänger wie als Darsteller, nein, man kann nicht von Darsteller sprechen, weil er der erlebte Mensch ist, den er uns in seinen Rollen übermittelt. Der Falstaff, den er für mich sang, war die vollkommenste Gestaltung eines Menschenschicksals, das ich in vielen Jahren erlebt habe ... "

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 27. Juni 2006, 15:06 Uhr

Buch-Tipp
Guiseppe Taddei, Peter Launek, "Ich, Falstaff ...", Amalthea 2006, ISBN 3850025608

Links
Wiener Staatsoper - Eine Legende wird 90
LangenMüller Herbig Nymphenburger - "Ich, Falstaff ..."
Herbert von Karajan
Metropolitan Opera
Teatro alla Scala
Teatro dell'Opera di Roma
Salzburger Festspiele