Psychotherapeuten entdecken die "Filmtherapie"
Die Leinwand als Couch
"Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel - man weiß nie, was man bekommt", rezitierte einst die Film-Figur Forrest Gump. Glaubt man dem britischen Therapeuten Bernie Wooder, so steckt in jedem Zelluloid-Streifen ein Stückchen Lebenshilfe.
8. April 2017, 21:58
Einer Lebens- oder Sinnkrise ist schwer beizukommen. Medikamente machen die Leber hart und den Verstand weich. Psychotherapien dauern so lange, dass man sich am Ende fragt, ob sich die teuer "therapierte" Krise mit der Zeit nicht ohnehin verjährt hätte. Bei der Homöopathie weiß man nie so genau, ob das eingeworfene Mittel nicht doch gegen Heuschnupfen war oder eine falsche Dosierung dafür sorgt, dass die überstanden geglaubte Krise von vor sieben Jahren wieder auftaucht. Doch es gibt Hoffnung. Und deren Wiege liegt nicht in China, sondern im Kino.
Filme sind, wie der Londoner Psychotherapeut Bernie Wooder feststellt, "Unterhaltung mit einem großen Plus. Sie haben nämlich die Kraft, einen Menschen und damit letztlich auch die Gesellschaft zu verändern." Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der Mann, der unter dem Titel "Movie Therapist" in seiner Zunft für Aussehen sorgt, mit dieser sonderbaren Therapiemethode. Menschen, die mit ihren alltäglichen Problemen und Selbstzweifeln nicht mehr zu Rande kommen, sollen durch die emotionale Anteilnahme an ähnlichen Schicksalen von Filmfiguren ein Problem¬verständnis entwickeln und sich von den filmisch dargebotenen Lösungen inspirieren lassen. Wer sich beispielsweise hässlich und minderwertig fühlt, sollte sich einen Film wie "Muriels Wedding" reinziehen, auf dass der Schwan im Entlein zu wachsen beginne. Gegen die klassische Midlife-Crisis empfiehlt der Filmdoktor die Wunderdroge "American Beauty". Und wenn überhaupt alles im Argen liegt und das Leben so gar nicht mehr lebenswert erscheint, muss Frank Capras altbewährtes Hausmittel "Its A Wonderful Life" her - der "Klosterfrau Melissengeist" der Filmtherapie sozusagen.
Filmtherapie wirkt schonender als Psychopharmaka, sie kostet weit weniger Zeit und Geld als die Couch, und ihr Prinzip ist so simpel, dass sogar Leute es begreifen, denen eine D-Potenz genauso viel sagt wie eine Differenzialgleichung. Und sie ist sogar für Härtefälle geeignet. In der Datenbank der amerikanischen Website "cinematherapy.com" finden sich neben den Filmen gegen Selbstzweifel und Kommunikationsprobleme etwa auch Titel, die zu einem gemessenen Umgang mit AIDS, Krebs oder Alkoholismus führen sollen.
Sollte die Filmtherapie Schule machen, wäre damit nicht nur kränkelnden Psychen, sondern auch einer schwächelnden Branche geholfen. Schlecht besuchte Kinos organisieren vom Gesundheitsministerium geförderte Retrospektiven, deren Vorstellungen man sich verschreiben lassen kann: ein Rezept für einen 10er Block in leichteren Fällen, eine Akkreditierung für Problemfestivals bei schwerwiegenderen. Für Leute, die sich (noch) selbst helfen können, gibt es DVD-Editionen à la SZ-Cinemathek, welche die Funktion einer Hausapotheke erfüllen: Monty Pythons "The Meaning Of Life" für die Instant-Behandlung der kleinen Lebenskrise zwischendurch; Hitchcocks "Marnie" zur Bewältigung des schlechten Gewissens beim habituellen Zeitungsklau am Wochenende und so weiter...
So einfach und versprochenermaßen effizient die Filmtherapie auch sein mag, bleiben doch ein paar Fragen an den Arzt oder Apotheker: Welche Art von Film hilft denn nun bei Potenzproblemen? Ein früher Woody Allen oder doch lieber ein Pornofilm? Wie therapiert man latente Aggressionen? Mit "Ghandi" oder mit "Rambo"? Oder umgekehrt: Was passiert, wenn man sich ohne fachmännische Beratung einen Film wie "Pulp Fiction" verabreicht? Hilft einem das, endlich die ureigene Sau raus zu lassen oder therapiert es einen von den Folgeschäden, welche die getarnten Gewaltfilme aus dem Kinderfernsehen verursacht haben?
Bis auf weiteres ungeklärt bleibt auch die Haftungsfrage: Ist der Filmtherapeut für die möglichen Folgen verantwortlich, wenn er seinem Patienten zum Zweck einer dringend notwendigen Ego-Aufbesserung einen handelsüblichen Actionfilm verschreibt, in dem der Held alles kurz und klein schlägt?
Nun - um solche Fragen sollen sich die Versicherungen kümmern. Für den gemeinen Kinogeher ist es viel eher von Belang, ob er sich in Zukunft noch rezeptfrei Filme ansehen kann, ohne gegen das Drogengesetz zu verstoßen.
