Ein Werk zum Thema Gattentreue

Händels "Rodelinda"

Es war Händels "Rodelinda", mit der Oscar Hagen, ein Göttinger Privatdozent, 1920 den grundlegenden Anstoß für die Neubesinnung auf Händels seit Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr gespielte Opern gab. Ö1 sendet eine Aufführung der Resonanzen.

Händels Opernschaffen ist heute in Konzert, Theater und Rundfunk sowie im Bild- und Tonträgerbereich eine unübersehbare, geradezu selbstverständliche Größe, sein "Giulio Cesare" rangiert gar unter den Top 10 der meistgespielten Opern überhaupt.

Am Beginn der nun bereits mehrere Jahrzehnte währenden großen Begeisterung für Händels Musiktheater steht freilich nicht die Liebesgeschichte von Cäsar und Kleopatra, sondern das 1725, ein Jahr nach "Giulio Cesare" im King’s Theatre am Londoner Haymarket uraufgeführte dramma per musica "Rodelinda".

Ein erfolgreiches Werk

Die Uraufführung fand am 13. Februar 1725 statt. Das Werk kam in dieser Saison auf 14 Vorstellungen und gehört damit zu den erfolgreichsten der Opernakademie.

In der darauf folgenden Saison sowie 1731 wurde die Händel-Oper wieder aufgenommen und gelangte 1735 und 1736 auf den Spielplan der Hamburger Gänsemarktoper, wo sie mit deutschsprachigen Rezitativen aufgeführt wurde.

Oscar Hagen, Vater der Göttinger Händel-Festspiele

Es war aber eben dieses Werk, mit dem im Sommer 1920 Oscar Hagen, ein Göttinger Privatdozent der Kunstgeschichte und Schüler übrigens von Engelbert Humperdinck, den grundlegenden Anstoß für die Neubesinnung auf Händels seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr gespielte Opern gab.

Hagen war besessen von der Idee, "dass unserer gegenwärtigen Musikproduktion die engste Fühlung mit dem Geist und den Formen ihrer unendlich viel befähigteren Vergangenheit bitter Not tut" - wohlgemerkt anno 1920. Beseelt also nicht nur von der Schönheit der in seinem Haus gesungenen Händel-Arien, sondern auch von dem grandiosen Libretto zum Thema Gattentreue schritt Hagen mit Laien-Sängern und einer akademischen Orchestervereinigung in der Göttinger Universität zur Tat - und reüssierte vollauf: es schlug die Geburtsstunde der heuer zum 86. Mal stattfindenden Göttinger Händel-Festspiele.

Renaissance der Händel-Opern

Und mehr noch: Es war die Geburtsstunde auch der zum festen Begriff gewordenen Händel-Opern-Renaissance, innerhalb deren "Rodelinda", von konzertanten Aufführungen abgesehen, inzwischen weit über 100 Neuinszenierungen erfuhr.

In Wien sah und hörte man die Oper 1941 im Redoutensaal mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Leopold Ludwig, inszeniert von Oscar Fritz Schuh. Und mit so unvergesslichen Sängern wie Paul Schöffler, Anton Dermota und Erich Kunz als Solisten, damals noch in deutscher Sprache.

1959 erstmals in Originalsprache

Vorreiter der ersten originalsprachigen Aufführung von 1959 war der jetzt 82-jährige Nestor der englischen Händelpflege Charles Farncombe, der für Hauptrollen die legendären Sängerinnen Joan Sutherland und Janet Baker gewinnen konnte.

Auf historischen Instrumenten erklang die Oper erstmals 1988 in Bruchsal und in Frankfurt/Main unter Michael Schneider.

Historiker Diaconus als Quelle

Das Libretto von Händels Oper geht auf ein älteres Textbuch des Florentiners Antonio Salvi zurück. Er war ein Freund der französischen Klassik und griff daher auch auf Pierre Corneilles Tragédie "Partharite, Roi des Lombards" zurück.

Beider Librettisten Quelle ist der Historiker Paulus Diaconus, der im 8. Jahrhundert die damals 200-jährige Herrschaft der Langobarden in Norditalien beschrieb.

Hör-Tipp
Georg Friedrich Händel, "Rodelinda", Samstag, 11. Februar 2006, 19:30 Uhr

Links
Wiener Konzerthaus - Resonanzen 2006
Händel-Festspiele 2006