Schöne Literatur und die Beschönigung des Lebens
Die Grenzen der Intellektuellen
Dem französischen Philosophen Julian Benda nach liegt die Rolle der Intellektuellen ("clercs") in der Verteidigung ewiger, universeller und interessenfreier Werte wie Gerechtigkeit, Wahrheit und Vernunft. Ob Ismail Kadaré dem entspricht?
8. April 2017, 21:58
Nach jedem Fall eines totalitären Regimes stellt sich automatisch die Frage, wie die Intellektuellen des mit dem Totalitarismus betroffenen Landes in diesen "schwarzen" Stunden (manchmal sogar Dezennien) reagiert haben. Man denkt an jene, die in diesem Land geblieben sind. Für die, die geflohen oder vertrieben worden sind, ist ihre Einstellung gegenüber der Diktatur klar. Wie bezeichnet man aber diejenigen, die die ganze Zeit ihre Arbeit in solch einem Staat verübt haben?
Es ist sehr schwer, die Grenze zwischen den Mitläufern, Tätern oder nur passiven Personen zu ziehen. Kann man oder darf man überhaupt diese Grenze ziehen? Einem ganz natürlichen menschlichen Überlebenstrieb folgend, versuchen die Menschen, und die Intellektuellen besonders, in den Verhältnissen nach dem Zerfall solcher Regimes ein "neues Leben" zu schaffen. Man wirft das Parteibüchlein weg, man vertuscht die eigene Biografie und man korrigiert die Werke, die als Beweise an der Zuneigung zum "verhassten" System verwendet werden könnten.
Isoliertes Albanien
Albanien war nach dem Zweiten Weltkrieg ein "weißer Fleck" auf der europäischen Landkarte. Der kommunistische Diktator Enver Hoxha regierte Albanien bis zu seinem Tod im April 1985 mit einer so starken Hand, dass Albanien als einer der isoliertesten Staaten der Welt galt. Die Albaner konnten nur in Länder, zu denen Hoxha gerade gute Beziehungen gehabt hatte, reisen. Das war einmal Jugoslawien (1944-1948), mal Sowjetunion (bis 1961) und bis 1968 war es die Volksrepublik China. Dann fiel das Land in eine Selbstisolation, die Enver Hoxha für die Stärkung seiner Mächte nützte.
Schriftsteller, kein Politiker
Die einzigen Informationen über das Land bekam der Rest der Welt aus Albanien selbst und über einen außergewöhnlichen Schriftsteller: Ismail Kadaré. In seinem literarischen Werk versuchte er die ganze Geschichte Albaniens darzustellen. Seine Begabung, seine Sujets in einen "magischen" Rahmen des Erzählens zu setzen, haben die Leser in der ganzen Welt mit ihrer Anerkennung gepriesen. Schon seit Jahren ist Ismail Kadaré einer der Topkandidaten für den Nobelpreis.
Auf die Frage in einem Interview, das Rebecca Partouche für "Die Zeit" mit ihm geführt hat, ob er ein politischer Autor sei, antwortete Kadaré: "Ich bin Schriftsteller, mehr nicht. Für mich hat Literatur mit Politik als solches nichts zu tun." In anderen Interviews hingegen bezeichnete er sich selber als Dissidenten.
Angepasster Autor
Den Journalisten und Kritikern, die sich mit der Arbeit und dem Leben von Kadaré beschäftigen, bleibt ein gewisses Paradoxon nicht verheimlicht. Sie können nicht einfach einige von seinen Werken, die ein schöneres Bild von Enver Hoxha zeigen, als es der Wahrheit entsprach, ignorieren. Die Tatsache, dass er die ganze "diktatorische" Zeit in Albanien arbeitete und reisen konnte, vermochte man auch nicht zu vergessen.
"Selbst schlimmste Diktaturen haben einige der schönsten Bücher hervorgebracht. Man kann den Verfall der Literatur nicht durch ein System rechtfertigen", rechtfertigt sich Kadaré in erwähntem "Zeit"-Interview. "Ich kenne einige Schriftsteller, die der Meinung sind, von der Regierung verhindert worden zu sein. Ich glaube das aber nicht. Schon auf drei Seiten kann man zeigen, dass man ein richtig großer Schriftsteller ist. Die Literatur kann zwar verurteilt und verdammt, aber niemals entstellt werden."
Man kann nicht hundertprozentig diesen Sätzen von Kadaré zustimmen. Viele Schriftsteller (und Intellektuelle) haben ihr Engagement mit dem bloßen Leben bezahlt und viele konnten überhaupt nicht arbeiten, geschweige denn "unpolitische Literatur" schreiben.
Die Illusion der Intellektuellen
Im Buch "Satz und Gegensatz" vom französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu ist zu lesen: "Die Intellektuellen unterliegen in ganz besonderem Maße der Illusion, es gäbe keine Grenzen. Es ist gerade die typische Illusion des Intellektuellen, zu glauben, er habe keine Illusionen und es gebe keine Grenzen: Er analisiert ständig die Grenzen der anderen und vergisst darüber seine eigene Grenze, eben die, zu glauben, es gäbe keine."
Hör-Tipp
Tonspuren, Freitag, 27. Jänner 2006, 22:15 Uhr
Mehr dazu in Ö1 Programm
Download-Tipp
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Buch-Tipps
Ismail Kadaré, "Das verflixte Jahr", übersetzt von Joachim Röhm, Ammann Verlag, ISBN 325060044
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Ismail Kadaré, "Der zerrissene April", aus dem Albanischen übersetzt von Joachim Röhm, Ammann Verlag, ISBN 3250600407
Ismail Kadaré, "Die Brücke mit den drei Bögen", aus dem Albanischen übersetzt von Joachim Röhm, Ammann Verlag, ISBN 3250600415
Ismail Kadaré, "Der Palast der Träume", aus dem Albanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Joachim Röhm, Ammann Verlag, ISBN 3250600423
Ismail Kadaré, "Der General der toten Armee", aus dem Albanischen übersetzt von Joachim Röhm, Ammann Verlag, ISBN 3250600431
Pierre Bourdieu, "Satz und Gegensatz", aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Raulff und Bernd Schwibs, Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN 3596110076
Julian Benda, "Der Verrat der Intellektuellen", Fischer Verlag, ISBN 3596266378
Link
Label France - Interview mit Ismail Kadaré
