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100. Todestag
Antoni Gaudi - Der Architekt Gottes
Als der katalanische Architekt Antoni Gaudi am 7. Juni 1926 auf seinem Weg zur Baustelle der Sagrada Familia von einer Straßenbahn angefahren und schwer verletzt wurde, erkannte niemand den scheinbar verwahrlosten alten Mann und niemand kümmerte sich um ihn. Erst Stunden später ließ ein Polizist den Mann, der keine Ausweißpapiere bei sich trug, in ein Armenspital bringen. Drei Tage später, am 10. Juni 1926 erlag einer der originellsten Architekten der Neuzeit seinen Verletzungen.
10. Juni 2026, 02:23
Zum 100. Todestag wird dem eigenwilligen Architekten posthum große Ehre zu Teil. Papst Leo XIV. wird am Mittwoch eine Gedenkmesse in der Sagrada Familia feiern und dann auch den zentralen Jesusturm der Basilika offiziell segnen. Mit der Aufsetzung eines begehbaren Doppelkreuzes erreichte der Turm die endgültige Höhe von 172,50 Metern. Damit ist die Sagrada Familia die höchste Kirche der Welt - ein Titel, den bisher das Ulmer Münster innehatte.
Gaudi war der wichtigste Vertreter des "Modernisme". Diese Stilrichtung bildete in Kunst und Architektur der spanischen Region Katalonien das Pendant zum Jugendstil. Die Bauwerke Gaudis zeichnen sich durch eine unverwechselbare Linienführung aus. Sie weisen wenig Ecken und Kanten auf, dafür runde und fließende Formen.
Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben. Die Zeit wird es uns sagen.
Mit diesem Satz verabschiedete der Direktor der Architekturschule in Barcelona im Jahr 1878 den jungen Gaudi und sprach damit vielleicht mehr Wahrheit aus, als er ahnte.
GEMEINFREI
Antoni Gaudi
Große Nähe zur Natur
Als Sohn eines Kupferschmieds kam Gaudi am 25. Juni 1852 im katalanischen Reus zur Welt. Als Kind eher zurückhaltend, oft krank, verbrachte er viel Zeit mit dem Beobachten von Formen und Licht. In der Schule fiel er früh durch seine Zeichnungen auf. Auch im Studium ging Gaudi eigene Wege. Er hielt sich wenig an gängige Formen, suchte nach Lösungen, die aus ihm selbst heraus entstanden.
Erste Aufträge
Nach kleineren Aufträgen, wie dem Entwurf von Straßenlaternen für die Plaza Real, erhielt Gaudi schon bald nach dem Studium den Auftrag für eine Arbeitersiedlung in der katalonischen Stadt Mataro. Das Projekt blieb letztlich unvollendet. Die Pläne des Projekts wurden von Gaudi jedoch auf der Weltausstellung von 1878 in Paris präsentiert, wo er die Aufmerksamkeit des überaus vermögenden Textil- und Immobilienunternehmers Eusebio Güell auf sich zog, der letztlich Hauptmäzen des Architekten werden sollte.
Bedeutende Bauten Barcelonas
Das zwischen 1886 und 1890 errichtete Stadtpalais der Familie Guell, der Palau Guell, zeugt ebenso von dieser viele Jahre währenden Verbindung, wie der ursprünglich als Gartenstadt geplante Park Guell, der heute zu einer der zahlreichen Touristenattraktionen Barcelonas zählt.
Zahlreiche weitere Bauten wie die Casa Calvet, die Casa Batllo, die Casa Mila und die Casa Vicens prägen das Stadtbild Barcelonas bis heute und sind mittlerweile Teil des UNESCO-Welterbes. Im März 1883 übernahm Gaudi die Leitung des 1882 begonnenen Baus der Sagrada Familia, dem er sich von 1914 bis zu seinem tragischen Tod im Jahr 1926 ausschließlich widmete.
Fassade der Casa Vicens
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Die Basilika als Lebenswerk
Gaudi musste klar gewesen sein, dass er die Vollendung der Kirche nie erleben würde. "Darin spiegelt sich ein Denken, das die Idee und den Prozess ins Zentrum stellt. Ein Denken, das weiter reicht als das eigene Leben", meint die Leiterin des Wiener Diözesanmuseums, Johanna Schwanberg in der Ö1 Sendung "Gedanken für den Tag".
Die Sagrada Familia war bei Gaudis Tod erst zu rund 15 Prozent fertiggestellt. Krypta und Apsis-Außenwand waren erbaut, die Geburtsfassade teilweise, vier Türme halbfertig. Gaudi selbst pflegte auf Fragen zur Fertigstellung zu sagen: "Mein Kunde hat keine Eile." Die Vollendung des Monumentalbaus wird erst für die 2030er Jahre erwartet.
Deckengewölbe der Sagrada Familia
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Folgen des spanischen Bürgerkriegs
Der Bau konnte nach Gaudis Tod nur unter großen Schwierigkeiten fortgesetzt werden. Im Spanischen Bürgerkrieg ab 1936 wurde zudem sein Atelier zerstört, die Baupläne, Gipsmodelle und Zeichnungen gingen größtenteils verloren. Architekten, die noch mit ihm gearbeitet hatten, halfen, aus Bruchstücken der Modelle und Fotos die Entwürfe zu rekonstruieren, wobei Gaudis mathematisch bestimmte Entwürfe diese Aufgabe erleichterten.
Gaudis tiefer Glaube sei kein Beiwerk, sondern der Kern seines Schaffens gewesen, stellt Kunsthistorikerin Schwanberg fest. Die Sagrada Familia sei daher mehr als ein Gebäude, sie sei eine Theologie in Stein.
Seliger Antoni Gaudi?
Im Jahr 2000 wurde von der römisch-katholischen Kirche ein Seligsprechungsverfahren für den überaus religiösen Gaudi eingeleitet. Papst Franziskus erkannte ihm noch knapp vor seinem Tod im Jahr 2025 den sogenannen heroischen Tugendgrad zu, ein Ehrentitel der katholischen Kirche, der im Zuge des Seligsprechungsprozess verliehen wird. Jetzt fehlt nur noch ein Wunder. Gaudi selbst ist in der Krypta "seiner" Kirche begraben.
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Touristenmagnet Sagrada Familia
Das Viertel rund um die Kathedrale erstickt heute unter Touristenmassen. Mieten steigen, Anrainer werden verdrängt, Wohnraum weicht Touristenunterkünften, kleine Geschäfte werden zu Souvenirläden umgewandelt. Gaudis ursprüngliche Idee einer Kirche als "Bibel aus Stein" als Trost für die des Lesens oft unkundigen Arbeiter und ihre Familien, die während der Industrialisierung unter unsäglichen Bedingungen schufteten, ist in den Hintergrund geraten. Eintrittskarten ab 26 Euro müssen heute rund zwei Wochen im Voraus gekauft werden, und wer zu den kostenlosen Messen in die Kirche möchte, muss sich besser ein paar Stunden vorher anstellen.
Die Finanzierung des Kirchengebäudes erfolgt allein durch Spenden und Eintrittsgelder - 2025 kamen knapp 4,9 Millionen Besucher und sorgten für Einnahmen in Höhe von 134,5 Millionen Euro. Damit ist die Basilika das meistbesuchte Bauwerk Spaniens.
Text: APA/dpa/red.
