Der Schrecken Gottes

Es ist die Frage nach dem Sinn, die Kernfrage Hiobs, die ins Zentrum von Navid Kermanis Buch rückt: Wie sind das Leid und die Ungerechtigkeit in der Welt in Einklang zu bringen mit dem Bild, das uns von Gott gelehrt wurde?

Eines der bedeutendsten, hier zu Lande aber kaum bekannten Werke der persischen Dichtkunst, das "Buch der Leiden" von Faridoddin Attar, steht im Mittelpunkt von Navid Kermanis neuem Buch. Im "Buch der Leiden" wird an der Allmacht Gottes festgehalten, auch an der Verstehbarkeit, meint Kermani, "aber das Attribut der Güte, der Barmherzigkeit, dieses Attribut wird sehr stark und radikal in Frage gestellt, wenn nicht offen geleugnet."

Für den deutsch-iranischen Orientalisten Navid Kermani ist das "Buch der Leiden" "wahrscheinlich eines der düstersten Werke der Weltliteratur überhaupt, eine ebenso umfassende wie radikale Kosmologie des Schmerzes, in der alle Erscheinungen der Welt und des Überweltlichen (...) Zeichen sind der Verzweiflung, Zeichen der Abstinenz Gottes und der schmerzenden Nichtigkeit des Weltenlaufs".

Attars Religionskritik

Attar war ein persischer Dichter und Mystiker aus Nischapur im Nordosten des heutigen Iran, geboren um 1145, gestorben möglicherweise 1221 beim Sturm der Mongolen auf seine Heimatstadt. Doch viel weiß man nicht über ihn. Attar beschäftigte sich sein Leben lang mit Themen der islamischen Mystik, mit dem Sufismus, behauptete aber nie, ein Erleuchteter zu sein. Im Gegenteil. "Wenn der Weg zu Gott mir offenstünde, / Hätt' ich nicht das Herz zu dichten", bekannte er. Er schimpft ganz bitterlich über die Theologie seiner Zeit, die sich den Herrschern andienen würde, meint Kermani. "Er fordert die Theologen auf, sich von der Macht fernzuhalten. "Es gibt kaum eine persische Dichtung, die so scharf ist in der Beschreibung sozialer Zustände, wie die Dichtung von Attar."

Der Wanderer in Attars dem überlieferten Verständnis des Islam und dem Gottesbild des Koran oft krass widersprechender Dichtung findet bei seiner Reise durch den Kosmos nirgends Trost. Niemand kann ihm helfen, jeder verweist nur auf sein eigenes Elend, ist noch verlorener als er "auf der nach oben offenen Skala des Unglücks". "Was du gesucht hast, ist in dir", spricht am Ende die Seele und fordert den Wanderer auf, in ihrem Meer zu versinken. Bis hier ging die Reise zu Gott, sagt der Dichter am Schluss; jetzt beginnt die Reise in Gott.

Rebellion gegen Leiden

Ausgehend von Attars "Buch de Leiden", belässt es Kermani nicht bei der Auseinandersetzung mit einem Dichter und seinem Werk. Er zeigt, dass Rebellion gegen Ungerechtigkeit, Empörung gegen Leid, Hadern mit Gott in allen drei monotheistischen Religionen anzutreffen sind: im Judentum, wo dies vom Hiob des Alten Testaments über die chassidische Mystik bis zur Shoa reicht, in der islamischen Mystik, aber auch im Christentum, wo der Protest gegen die Missgunst des Schicksals mehr gegen die Kirche zielt als gegen Gott, der ja ein mitleidender Gott ist, für die Menschen am Kreuz gestorben. Doch Kermani beschränkt sich nicht auf das Aufzeigen religionsgeschichtlicher Zusammenhänge.

Die sinnlose, ungerechte Not, damit also die Unmöglichkeit, einen zugleich gütigen und allmächtigen Gott zu denken, ist in der Weltliteratur immer wieder als der eigentliche Grund des Unglaubens oder genauer: der Glaubensunfähigkeit, des Glaubensverlusts, behandelt worden.

Für alle an Transzendenz Interessierte

Navid Kermani betrachtet Attar im Kontext der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte, ordnet ihn "zwischen Sophokles und Schopenhauer" ein, sieht ihn als einen Verwandten von Büchner und Beckett. Er erkennt Parallelen in den Motiven des Leids, der Verzweiflung, der metaphysischen Revolte bei Heinrich Heine, bei Nietzsche und Dostojewskij, bei Paul Celan und Albert Camus.

In seinem gescheiten und facettenreichen Buch, das nicht allein auf Fachleute für Religionsgeschichte oder islamische Mystik zielt, sondern allen an Fragen der Transzendenz Interessierten anregende Lektüre bietet, zeigt Navid Kermani Zusammenhänge und Verbindungslinien auf zwischen Mittelalter und Moderne, zwischen Islam, Judentum und Christentum, zwischen Faridoddin Attar und Samuel Beckett.

Er macht deutlich, wie Dichter und Philosophen, Mystiker und Theologen zu verschiedenen Zeiten und in ganz unterschiedlichen Kulturkreisen sich immer wieder mit denselben Fragen herumschlugen: Kann man an Gott, den Barmherzigen, glauben, wenn das Leben grausam ist? Hat das Dasein angesichts des Leids überhaupt einen Sinn? Kann man Hoffnung ohne Glaube und Religion ohne Häresie denken? Ist Gott nur gleichgültig - oder gar nicht existent?

Buch-Tipp
Navid Kermani, "Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte", C. H. Beck Verlag, ISBN 3406535240