Warten auf die Krise

Keine Angst vor Hängetittchen

Über wen ich diesmal schreibe, wurde ich gefragt. Gibt's was Neues von Johnny? Oder vielleicht von deinem Freund, dem Kurden? Nein. Diesmal schreibe ich über mich - und über die Krise, die auf meiner Couch sitzt und sich die Zehennägel lackiert.

Heute morgen, sieben Uhr: Der Wecker macht sich bemerkbar. Ich gebe ihm eine Kopfnuss und beschließe einstimmig, mir noch 40 Minuten Zusatzschlaf zu gönnen. Heute morgen, neun Uhr: Ich hab verschlafen. Der Timer war auf 40 Stunden eingestellt.

Jetzt ist es Abend, ich sitze vor meinem Notebook, das abstürzt wenn man niest und deshalb nicht mehr bewegt werden darf - daher sitze ich auch nicht im gemütlichen Kaffeehaus ums Eck, sondern vielschichtig in meiner coolen Wohnung und kaue lustlos auf einer Laugensemmel herum. ("Vielschichtig" bezieht sich übrigens auf die Kleidung und "cool" ist durchaus wörtlich zu verstehen.)

Also. Ich sitze, kaue und überlege, worüber ich diesmal schreiben soll. Über Jungspund Johnny, der heute seine internationale Karriere in der gehobenen Hotelbranche startet (sprich: eine neue Lehrstelle antritt)? Unmittelbar damit hängt ja auch mein morgendliches Verschlafen zusammen: Ich hatte Angst, der Knabe könnte seine fünf Wecker ignorieren… und konnte meinerseits vor lauter Nervosität ewig nicht einschlafen.

Oder schreibe ich über den Kurden, der zwar friert wie ein Schneider, trotzdem behauptet, es wäre warm in meiner Wohnung und mich des Nachts zwecks Wärmegewinnung bibbernd an sich drückt wie einen überlebensgroßen Teddybären? Demnächst werden mir noch Plüschohren wachsen.

Es klopft, und als ich aufmache, erledigt sich die Frage von selbst: Ich schreibe über mich. Denn vor meiner Tür steht die Krise und grinst. Wir sind uns schon öfter begegnet, und weil sie so hartnäckig ist, darf sie heute sogar auf einen Sprung hereinkommen. Jetzt fläzt sie auf der Couch, trinkt Kakao und will wissen, wann ich mir endlich Zeit für sie nehme. Die wäre nämlich jetzt reif. Die Zeit. Für die Krise.

Immerhin wäre ich schon alt genug, Johnny bald aus dem Haus und überhaupt …

Und überhaupt würde mir das grad gar nicht reinpassen, entgegne ich, außerdem ginge es mir ja gut. Wie wäre es in zwei, drei Jahren? Weil dann wäre ich definitiv über 40 und Johnny vielleicht wirklich schon in seiner ersten WG, und …

Die Krise lackiert sich mittlerweile die Zehennägel. Den Kakao hat sie schon ausgetrunken. Einverstanden, sagt sie, aber ich komme wieder - mit dem vollen Programm: Sinnkrise, Faltenkunde, Frustessen. (Ich schiebe die angebissene Laugensemmel heimlich hinter einen Bücherstapel.) Dann hätten wir noch das Seminar "Hormonschwankungen im weiblichen Haushalt" und als Krönung von allem die "Vergesslichkeit im Mittelalter" sowie die "Gesetze der Schwerkraft und ihre besondere Anwendung auf Frauenkörper". Übrigens, sagt die Krise und zeigt mit einem rot lackierten Zeh auf mein kleines tragbares Radio, warum trägst du seit zwei Stunden die Kopfhörer im Ohr, ohne das Radio einzuschalten?

Weil ich darauf vergessen habe, meine ich und komplimentiere meinen Gast zur Tür hinaus. Die Hormonschwankungen in diesem Haushalt haben sogar einen Namen ("Johnny"), und was die Schwerkraft betrifft: Soll sie kommen. Die ganze Schwerkraft der Welt schafft es nicht, aus Körbchengröße 70A einen Hängebusen zu machen. Höchstens Hängetittchen.

Und damit lässt sich's leben, meine ich - und leg mich schlafen.

Mindestens 40 Stunden lang.

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