Radiokolleg

Der Philosoph geht in die Oper (3)

Janácek und die Langeweile der Unsterblichkeit

Der tschechisch-französische Autor Milan Kundera schrieb in seinem Essay "Die Kunst des Romans" mit Blick auf Leos Janácek: "Ich halte die Kunst der Ellipse für entscheidend. Sie verlangt, dass wir direkt zum Kern der Dinge vordringen. In dieser Hinsicht muss ich an den Komponisten denken, den ich seit meiner Kindheit leidenschaftlich bewundere: Leos Janácek." Kundera betonte Janáceks Methode, "überflüssige Noten" wegzulassen: die Übergänge und Verzierungen, Stellen, die lediglich als musikalisches Füllmaterial dienen. Auf diese Weise schuf Janácek laut Kundera eine neue Welt für die Oper - "eine Welt der Prosa". In der "prosaischen" Welt von Janáceks Oper "Die Sache Makropulos" erteilt Kaiser Rudolf II. den Auftrag für einen das Leben verlängernden Zaubertrank; der Leibarzt Makropulos probiert diesen an seiner Tochter Elina aus, die in der Folge ohne zu altern unendlich weiterlebt. "Reflexionen über die Langeweile der Unsterblichkeit" überschrieb der Philosoph Bernard Williams seinen berühmten Essay, der ausgehend von Janáceks Oper argumentiert, der Tod stelle nicht notwendigerweise ein Übel dar, sondern vielmehr eine notwendige Grenze, die dem Leben erst Struktur und Identität verleihe. Ein unendlich langes Leben führe zwangsläufig zu unerträglicher Langweile und Identitätsverlust. In der Philosophie gelte wie in der Musik das Gesetz "Non multa, sed multum" - Mit weniger ist mehr zu erreichen.

Gestaltung: Erich Klein

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