Der Sprachbildermacher

Während Ernst Jandl Gangaufsicht hatte, lehrte Friedrich Polakovics Bildnerische Erziehung. Ein Klassentreffen war Anlass für ein Porträt des Literaten, der während des Unterrichts den Schülern vorlas und so wahre Bilder im Kopf vermittelte.

Wir waren bei den Schweißperlen auf der Stirn stehen geblieben. Bei der Anfrage meiner ehemaligen Englisch-Lehrerin, ob ich nicht ein Porträt meines ehemaligen Zeichenlehrers anfertigen könnte. Die 150-Jahr-Feier der Schule stehe an, und man möchte ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Oder zumindest Anerkennung zollen, späte Anerkennung. Nur zu gern, denn Friedrich Polakovics hat sie verdient.

Wir Schüler, die ihn in den paar Wochenstunden gar nicht mal so schlecht kennen gelernt hatten, wussten ja, dass er ein genialer Kopf war und dass Zeichnen, pardon: Bildnerische Erziehung, nicht sein ein und alles war. Und ein Erzieher war er auch nicht. Eher ein Begeisterer.

Ich habe ihn als verbitterten Mann kennen gelernt, den nur mehr wenige Jahre von der Pensionierung trennten. Aber auch als Menschen, dem Sprache und Literatur Lebensinhalt waren. Wenn man ihm Bücher brachte, dann las er vor oder besser: dann deklamierte er wie es Harry Rowohlt nicht besser kann, dann verwandelte er Zeichenstunden (bevorzugtes Thema: Autofriedhöfe) in Übersetzungsseminare, denn ohne bärbeißige Anmerkungen zur Übersetzungsqualität inklusive Verbesserungsvorschläge ging bei ihm kein Krimi durch.

Die Schlaumeier unter uns fanden heraus, dass er selbst Bücher übersetzt hatte, Algernon Blackwood etwa für den Suhrkamp-Verlag, und legten ihm diese dann zum Vortragen vor. Manchmal saß er aber auch stumm vorne, übersetzte Francois Villon aus dem Französischen für ein Buch, das erst erscheinen würde.

Im Lehrkörper meines Realgymnasiums fand sich noch ein weiterer Literat, Ernst Jandl. Ihn hatte ich gerade noch als Gangaufsicht mitbekommen, bevor er es sich finanziell leisten konnte, den Schuldienst zu verlassen. Dass die beiden Schriftsteller eine gemeinsame Vergangenheit verband, sollte ich erst später erfahren. Auf unseren Jandl waren wir stolz, die Bücherleser besuchten auch Jandl-Lesungen. Als wir dann auch von einer Polakovics-Lesung in der Alten Schmiede erfuhren, fand sich dort auch eine kleine Schüler-Abordnung ein.

1979 oder 1980 muss das gewesen sein. "Versuch über den Krieg" war der unveröffentlichte Roman von Friedrich Polakovics betitelt, aus dem er lesen würde, und er wäre so arg, hieß es, dass er deswegen nicht publiziert worden wäre. Politisch brisant und so. Aber was sagt das einem 16- oder 17-Jährigen schon?

Und dann las Friedrich Polakovics von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und erweckte mit seiner unnachahmlich professionellen Art Sprachbilder zum Leben. Bilder aus seinem eigenen Leben. Mit 19 wurde er zum Arbeitsdienst nach Polen und Russland eingezogen, mit 20 zur Wehrmacht, als Funker nach Belgien, Russland und - 1944 - nach Frankreich. "Soldat ist gleich Mensch gebrochen durch Dreck" war das Eingangskapitel betitelt. Eine erste Ahnung, woher die Verbitterung, die stets unter einem Bärtchen verborgen war, kommen könne, stellte sich ein.

Unbequem war dieser Text, denn er nahm den antisemitischen Wahlkampf des Jahres 1966 zum Anlass, um parallel zu berichten übers Geschehen von 1944 und 1966, "wie's über zweimal elf Jahre ganz unten sich dargestellt hat: erlebt aus dem Blickwinkel stimmlosen Schlacht- und nachmals wahlmündigen Stimmviehs".

Um 1960 schien es so, schreibt der bürgerliche Historiker Ernst Bruckmüller, "als befänden sich Teile Österreichs wieder auf dem Weg in einen kollektiven Deutschnationalismus, mit zum Teil sogar nationalsozialistischen Zügen". Nach Beendigung der Entnazifizierung saßen auch ehemalige Nazis in den Geschworenengerichten, es kam in der Folge zu unrühmlichen Freisprüchen für schwerst belastete NS-Täter.

Immer wieder tauchen Realitätsfetzen aus den frühen 1960er Jahren auf zwischen den Kriegserlebnissen des jungen Obergefreiten P. im "Versuch über den Krieg". Ein Zitat etwa aus dem "Montag", dem Wochenblatt der FPÖ, in dem 1965 im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den ehemaligen flämischen SS-Führer Robert Jan Verbelen zu lesen war, dass die Geschworenen "mit ihrem Wahrspruch ausgedrückt haben, daß das Rechtsempfinden des Volkes kein Verständnis mehr für Kriegsverbrecherprozesse hat und nicht wünscht, dass die österreichische Justiz sich auf diesem Gebiete exponiere".

Solche Passagen oder Sätze wie "Aussöhnung kann letztlich nur vom Opfer begonnen werden" waren es, die Friedrich Polakovics hinschauen ließen. Die Wegschauer aber wollten nichts hören von der Atlantikwall-Fahrt des Friedrich P. und von der unterm Arsch weggeschossenen Kampfmoral der Letztaufgebots-Truppe, vom "weiterichkannichtmehrkannichtmehrrrrrrrRRRRRRRtatataTATATA- WWWUMMmm m m m".

Acht Jahre lang war Polakovics Redakteur der Zeitschrift "Neue Wege", herausgegeben vom "Theater der Jugend", finanziert vom Ministerium für Unterricht. Artmann, Jandl, Mayröcker, Rühm, Okopenko oder Gerstl veröffentlichten dort, der eigentliche Rebellenboss aber war Polakovics. Selbiges erfährt man aus dem Nachwort des 2002 mit gehöriger Verzögerung endlich doch veröffentlichten "Versuch über den Krieg" (Wieser-Verlag). 1957 verließ Polakovics die "Neuen Wege", als ein Jandl-Text Zensur erfuhr. Artmanns lyrischen Bestseller "med ana schwoazzn dintn" hat er dann gemanagt und sich schließlich aufs Übersetzen verlegt, vornehmlich von Werken der englischen "Schwarzen Romantik". Ab 1966 schrieb er dann seinen dringend zur Lektüre empfohlenen "Versuch über den Krieg-das Buch von zweimal elf Jahren".

Als "Journal der Masslosigkeit" wurde es in einer Rezension der Neuen Zürcher Zeitung bezeichnet, als "ästhetisches Experiment, das mit wütender Kraft an einer Bewältigung des Erlebten arbeitet". Passagen lyrischer Überhöhung wechseln sich ab mit dem harten Ton des verrohten Kriegsalltags. In das Zwiegespräch des 22-jährigen Obergefreiten mit dem 44-jährigen Erzähler montiert Polakovics Briefe, Fotos und Dokumente, aber auch Vorzeigeobjekte aus dem Kanon der deutschen Literatur, Zeilen von Benn, Rilke oder Fontane. Der Verlagslandschaft der sechziger Jahre war Polakovics' Zorn wohl zu polemisch, seine Abarbeitung an der Gegenwart zu unmittelbar.

Nachdem er zur Kenntnis nehmen musste, dass sein Großessay über das kriegsmäßig "aufgenordete Lemurentum" für die Schublade geschrieben wurde, zog sich Friedrich Polakovics zurück aus den literarischen Kreisen. Verständlicherweise. Wie man so vieles im Verhalten des Friedrich Polakovics nun zu verstehen glaubt, wenn man seinen "Versuch über den Krieg" gelesen hat. Der österreichischen Literatur, die vor 50 Jahren eine Neuorientierung suchte, diente er nicht nur als Organisator und Redakteur, so viel kann man jetzt sagen. Auch als Autor darf er zu Recht seinen Platz in der österreichischen Literaturgeschichte beanspruchen.

Zeichnen kann ich heute nicht. Der Tatsache, dass Friedrich Polakovics ein ausgezeichneter Lehrer war, tut dies keinen Abbruch. Mich und noch eine ganze Reihe anderer Ex-Alumni hat er für die Literatur begeistert. Und an Autofriedhöfen kann ich bis heute nicht vorbeifahren, ohne an ihn zu denken.

Und nach der Lektüre seines nun allgemein erhältlichen "Versuch über den Krieg" muss ich auch jedes Mal an ihn denken, wenn von der Invasion in der Normandie die Rede ist. Der radikale Subjektivismus, mit dem Friedrich Polakovics die erfahrene Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs uns Lesern entgegenschleudert, der lässt einen so schnell nicht los.

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Buch-Tipp
Friedrich Polakovics, "Versuch über den Krieg - Das Buch von den zweimal elf Jahren", Wieser Verlag ISBN 3851293878

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