Hakola-Kammeroper und Aho-Workshop
Kimmo Hakola und Kalevi Aho
Die beiden finnischen Komponisten Hakola und Aho haben auf die erpresserischen Argumente der Avantgarde und auf die Zwänge des Musikbetriebs bzw. einschlägiger Festivals reagiert. Sie wollen sich nicht, um "modern" zu sein, zu "Idioten" machen lassen.
8. April 2017, 21:58
Modern, neu, progressiv, innovativ, avanciert. Kriterien für den Autokauf? Nein, Anforderungen an zeitgenössische Musik. Nicht jeder ist so radikal wie der englische Sinfoniker Robert Simpson: "What is an 'advanced idiom'? This can only come from an advanced idiot. First of all, only the thought can be advanced."
Es werden ihrer mehr: Komponisten, die sich nicht mehr zum Idioten machen lassen wollen. Zwei davon kommen in den nächsten Wochen nach Österreich. Kimmo Hakola, Jahrgang 1958, künstlerischer Leiter von Musica Nova, dem jährlich im März veranstalteten Festival zeitgenössischer Musik, dessen Kammeroper "Die Meistersänger vom Mars" am 12. Oktober in St. Pölten aufgeführt wird, und Kalevi Aho, Jahrgang 1949, Composer-in-Residence des finnischen Sinfonieorchesters Lahti, der im November im Konservatorium Wien einen Workshop abhält, haben auf die erpresserischen Argumente der Avantgarde und auf Zwänge des Musikbetriebs bzw. einschlägiger Festivals und Ensembles "moderner" Musik reagiert. Jeder auf seine Weise und zunehmend mit Erfolg auch außerhalb Finnlands.
Nicht emotional bewegend
Komponisten, die sich auf "neues Material" und "neue Techniken" konzentrierten, erklärten mangelnden Erfolg beim Publikum lange Zeit so: Die besten Komponisten sind immer Pioniere gewesen und der Publikumsgeschmack hinkt der musikalischen Innovation einige Jahrzehnte hinter. Noch in den 1970er Jahren war die Rede davon, dass sich die komplexe - "schwierige" - zeitgenössische Musik schon ihren Platz im Standardkonzertrepertoire erobern würde.
Zwar hat sich ein Spezial-Publikum an die "Avantgarde" gewöhnt, aber - auch als Folge dieses erpresserischen Arguments - sie schockiert niemanden mehr; und schon gar nicht vermag sie emotional zu bewegen. Ist das restliche Publikum unbelehrbar, dumm und verstockt - selbst nach Jahren des Dauerbombardements? Trägt die konservative Natur der musikalischen Institutionen Schuld? Sollten Komponisten umdenken? Haben Komponisten wie Pärt, Martinow ("The End of the Time of Composers") oder Tavener Recht, wenn sie sagen, dass an der Ästhetik der Moderne, die Werte wie Material und Technik fetischisiert, etwas gründlich falsch sei? Gibt es in der zeitgenössischen Musik Ausdrucksmöglichkeiten, deren Zeit endgültig vorbei ist? Ist alles erlaubt?
Unreine Musik statt altmodische Moderne
"Alles ist erlaubt, solange es gut und individuell ist", sagt Kalevi Aho. Komponisten müssen alle Stile und Techniken beherrschen, dann können sie tatsächlich machen, was sie wollen. "Die Kunsttheorie der Moderne", resümiert Aho, "tendiert zur Reinheit, zu strengen Regeln und zu begrenzten Ausdrucksmitteln."
Da es nicht mehr möglich ist, zitiert Aho den italienischen Philosophen Gianni Vattimo, Geschichte als uniforme Ganzheit zu verstehen, ist die/das "Moderne" eine Sache der Vergangenheit. Typisch für die europäische Gegenwart ist eine Freiheit, die auf Oszillation und Pluralität beruht. Daher, so Aho weiter, sei es Unsinn, von einem Zentrum der Musikentwicklung zu sprechen. "Vieles, was noch vor kurzem als 'progressiv' galt, ist heute hoffnungslos veraltet."
Positiv-Beispiel Schostakowitsch
Als Beispiele für ein Umdenken nennt Aho die Musik etwa des in den 1960er und 1970er Jahren als altmodisch denunzierten Schostakowitsch, die "'wirklichkeitsnäher', 'lebensnäher' und frischer geblieben ist als der modernistische Boulez." Wie sieht Ahos Weg aus? "'Unreine' Kunst! Alle Stile und Kompositionstechniken! Ich habe 13 Sinfonien geschrieben, als ob ich nichts von Mahler oder Sibelius wüsste. Der 1. Satz meiner 1. Akkordeon-Sonate enthält eine 'Passacaglia', der 2. Satz eine 'Tripelfuge' - 250 Jahre nach Bach. Titel bedeuten an sich gar nichts, sie wecken aber gewisse von der Tradition abhängige Erwartungen."
Mit diesen Erwartungen geht Aho so virtuos und einfallsreich um, wie mit Stilen, dem Orchesterapparat und Soloinstrumenten. Das hat auch u. a. Martin Fröst, der derzeit größte Star der Klarinette, gemerkt und hat bei Aho ein Konzert bestellt.
Individualität wichtiger als Originalität
Kimmo Hakola hatte sich in eine veritable Krise manövriert - aus Disziplin, die sich dem von Aho angesprochenen modernistischen Puritanismus verdankte, in jedem Werk tabula rasa mit der Musik der Vergangenheit, auch der eigenen, zu machen. In der Waldeinsamkeit des wilden Ostens Finnlands machte er eine überraschende Erfahrung.
Er "begann wieder (!) Musik zu spielen, sie zu lesen und zu studieren." Er hatte den Musiker in sich verloren. Er begann in Karelien Sänger am Klavier zu begleiten, ließ die Kirchenorgel dröhnen, kratzte in alter finnischer Tradition auf der Fiedel und dirigierte einen Chor bzw. ein Orchester.
Komponieren ist ihm nun gleichbedeutend mit Musizieren und bricht gleich noch ein Tabu der "Moderne". Der mit "Hidden Songs" betitelte Satz seines Klarinettenkonzerts (2001) ist eine für ihn "wichtige persönliche und emotionale Aussage". Als er ihn komponierte, war er "zutiefst bewegt (!)". Diese an Sting erinnernde Melodie war "wie eine bittersüße, romantische Begegnung".
Auf den Kontext kommt es an
Was bedeutet ihm Originalität? Gewisse Tonfolgen können doch an sich nicht gar nicht (mehr) originell sein. Es kommt auf den Kontext an und auf die Art ihrer Verwendung. "Das bin dann ich. Ich nehme mir etwas aus der Welt und baue es in meine Welt ein. Aber ich borge es mir nicht, ich komponiere es." Wichtig ist, dass man alles als ein serious composer macht, ganz und gar professionell. Ist eine solche Stelle schlecht komponiert, dann ist das Ergebnis völlig geschmacklos."
Individualität ist also wichtiger als "Innovation"? Ja, sagt er, neu könne man bald sein, aber einen Dur-Dreiklang an der richtigen Stelle gut zu schreiben, dazu brauche es Individualität.
Hakolas "Meistersinger vom Mars"
Wie Aho, so hat Hakola keine Scheu, sich mit Überliefertem schmutzig zu machen. In seiner Kammeroper "Die Meistersinger vom Mars" spielt ein Choral eine ähnliche Rolle wie der Sting-Song im Klarinettenkonzert oder eine Klezmer-Passage im Klarinettenquintett (1997). Doch der Choral ist ein "echter Hakola".
Bach-, Mozart-, Donizetti- und Puccini-Anklänge sind ausnahmsweise direkte Zitate. Auch jene aus Minimalismus und späten Plink-Plonk-Modernismus? "Das ist eine Comic-Strip-Lösung für eine Comic-Strip-Oper. Nicht nur dass die Musik für die Handlung eines Comic Strip geschrieben wurde, sie sollte sich selbst wie ein solcher benehmen."
CD-Tipps
Kalevi Aho, "Symphonie Nr. 9 für Posaune und Orchester (1993-94)", Christian Lindberg (Posaune), Lahti Sinfonia, Osmo Vänskä, BIS-CD 706
Kalevi Aho, "Konzert für Flöte und Orchester (2002)", Sharon Bezaly (Flöte), Lahti Symphony Orchestra, Osmo Vänskä, BIS-CD 1499
Kimmo Hakola, "Clarinet Quintet (u. a.)", Kari Kriku (Klarinette), Avanti! Quartett, Ondine ode 960-2
Veranstaltungs-Tipp
Kimmo Hakola, "Die Meistersinger vom Mars", Comics-Oper in einem Akt für vier Solisten, Instrumentalensemble & Tonband sowie Unsuk Chin, "Cantatrix Sopranica" für zwei Soprane, Countertenor und Instrumentalensemble, Freitag, 21. Oktober 2005, 19:30 Uhr, Festspielhaus St. Pölten, Großer Saal,
Ö1 Club-Mitglieder erhalten ermäßigten Eintritt (10 Prozent).
Links
Finnish Music Information Center - Kalevi Aho
Finnish Music Information Center - Kimmo Hakola
Konservatorium Wien Privatuniversität
Festspielhaus St. Pölten
