Das Schlimmste aller Qualitätsmerkmale
Glanz und Elend der Lochbücher
Es ist ein großes Geheimnis um die Lochbücher. Denn nicht jedem Buch ist es gegeben, ein Lochbuch zu sein. Und nicht jedem Autor, ein solches zu schreiben. Und die Zahl derer, die ein Lochbuch auf den ersten Blick erkennen, ist auch gering.
8. April 2017, 21:58
Lassen Sie mich zunächst eines klarstellen: Die Sache mit den Lochbüchern ist wirklich extrem kompliziert. Vor allem, wenn man sich daran macht, jemandem, der noch nie auf ein Lochbuch gestoßen ist, zu erklären, was das Besondere dieser Art Bücher ausmacht.
Als Lochbuch-Erklärer kommt man schnell in die seelischen Nöte eines Farbsüchtigen, der einem Farbenblinden den absoluten, abgrundtiefen und unauslotbaren Unterschied zwischen Sonnenblumengelb und Dottergelb erklären will. Oder in das Schlamassel eines Bemitleidenswerten, der sich gezwungen sieht, einem von Berufs wegen zölibatären Menschenwesen die Verwicklungen schildern zu müssen, die sich auf Grund des divergierenden Suchtpotenzials unterschiedlicher Wonnen spendender Lenden, auf die eventuell kein staatlich verbrieftes Recht von Seiten des Berichtenden besteht, ergeben. Oder ergaben, je nachdem.
Lochbücher haben, außer dass sie zu den Lochbüchern gehören, nichts gemein. Man könnte vermuten, dass dicke Bücher eher dazugehören, aber in meiner Lochbüchersammlung befinden sich auch ziemlich schmale. Keine Rede davon, dass Lochbücher eher in der Schund-Lade zu finden sind, oh nein! Es treiben sich genügend von ihnen unter den ehrwürdigen Klassikern herum! Auch das Kriterium altehrwürdig oder brandneu hilft nicht beim Lochbuch-Enttarnen. Und die Sache mit dem ersten Blick ist höchst fragwürdig, denn manche Bücher schauen zwar so aus, als wären sie..., sind es aber dann nicht, und umgekehrt.
Also wirklich ganz sicher, dass man es mit einem Lochbuch zu tun hat, ist man erst, wenn man das Buch gelesen hat. Wenn man durch ist, auf dem hinteren weißen Blatt angekommen ist. Das Buch zuschlägt und weglegt. Fertig. Wenn jetzt Ihre Hände zu zittern anfangen, wenn Sie jetzt Grimm fühlen oder Bedauern, weil Sie noch gerne in dieser Welt geblieben wären, wenn Ihnen kein Buch gut genug scheint, die Nachfolge anzutreten, wenn Ihre Gedanken im mühsam gewählten nächsten Buch immer wieder zum vorigen zurückkehren, dann hatten Sie es mit einem echten Lochbuch zu tun.
Es gibt unterschiedliche Lochbuch-Kaliber: Manche erzeugen tiefe schwarze Mahlströme, aus deren Sog man sich schwer befreien kann. Manche werfen Schatten und lassen keine Konkurrenten neben sich gelten. Manche, und das sind die freundlichsten ihrer Art, haben eine Art Magnet eingebaut, der Hand und Gedanken immer wieder zurück beordert.
Und es gilt: Lochbücher sind eine ganz individuelle Angelegenheit. Mein Lieblings-Lochbuch kann jemand anderen völlig kalt lassen. Es ist nicht gesagt, dass Bestseller wirklich Lochbuch-Qualitäten haben. Oder ob nicht ein gewisser Haben-Zwang zum Bestsellerkauf treibt...
Und: Lochbücher sind Verräter. Nicht nur (Hobby-)Psychologen können an Hand von preisgegebenen Lochbuchtiteln sorgsam verborgene Charakterfehler oder längst vergessene Sehnsüchte aufdecken. Weshalb das Partyspiel "Welches ist Dein Lieblings-Lochbuch" auch nie zu einem besonderen Knüller wurde: Zu viel Geheimnisse würden dabei gelüftet. Ich werde mich daher hüten, Ihnen irgendwelche Titel zu nennen.
Sollten Sie mich aber dereinst besuchen, sollten wir uns auf einer gewissen Basis (Wein, Musik, Gespräche, Farbnuancen) verständigen können, und sollten Sie ausdrücklich danach fragen, dann werde ich Ihnen mein Regal mit meinen versammelten Lochbüchern zeigen - falls Sie die Abgründe, die Sie dann über mich erführen überhaupt verkrafteten.
