Der Kardinal und der Dichter

Anlässlich der "Langen Nacht der Kirchen" diskutierten die beiden langjährigen Freunde Kardinal Christoph Schönborn und der Kärntner Schriftsteller Peter Turrini in der Wiener Mexikokirche über das Verhältnis zwischen Kirche und Kunst.

Peter Turrini über Gemeinsames von Kunst und Kirche

Anlässlich der "Langen Nacht der Kirchen" kam es zwischen Kardinal Christoph Schönborn und dem Schriftsteller Peter Turrini in der Wiener Mexikokirche zu einem interessanten Zwiegespräch. Die beiden langjährigen Freunde diskutierten über das Verhältnis zwischen Kirche und Kunst. Dabei gab es neben vielen Gemeinsamkeiten auch kontroversielle Ansichten.

Einigkeit über das Machtverhältnis

Das Verhältnis von Kirche und Kunst weist eine wechselvolle Geschichte auf. Viele Künstler und Kunstwerke wären ohne die Kirche gar nicht denkbar. Aber es gibt auch die Verfolgung von Künstlern durch die Kirche - bis hin zur physischen Liquidation.

Über diesen Missbrauch waren sich Kardinal Christoph Schönborn und der Schriftsteller Peter Turrini in ihrem Zwiegespräch einig und auch darüber, dass diese Gefahr auch heute noch besteht. Schönborn schränkte allerdings ein, dass dieser Machtmissbrauch kein Monopol der Kirche sei, sondern dass vor allem Diktaturen im 20. Jahrhundert Kunst und Künstler missbraucht bzw. unterdrückt haben.

Die freundschaftliche Kontroverse

Bei konkreten Fällen des schwierigen Verhältnisses von Kirche und Kunst - wie etwa der Kampagne gegen die Jesus-Karikaturen von Josef Haderer - entspann sich allerdings eine Kontroverse zwischen Kardinal und Dichter.

Während für Turrini die kirchlichen Reaktionen eine Gefährdung der "Freiheit der Kunst" darstellten (Turrini zur Schönborn-Reaktion: "Christoph, ich weiß nicht, welche der katholischen Teufel dich da geritten haben...“), sah Schönborn darin einen Protest gegen die Verletzung religiöser Gefühle. Der Wiener Erzbischof distanzierte sich aber von einem Brief seines Schulamtes an den Verlag des Haderer-Buches, in dem ein Stopp aller kirchlichen Aufträge angekündigt worden war.

Die Liebe zu Retz

Christoph Schönborn und Peter Turrini sind langjährige persönliche Freunde, die - wie sie beide betonten - nicht zuletzt "die Liebe zu Retz“ verbindet. In der Zelle 13 des dortigen Dominikanerklosters hat Turrini nicht nur einige seiner Stücke und Gedichte geschrieben, sondern der damalige Pater Schönborn organisierte auch Lesungen von Turrini-Stücken, die dann auch zu oft heftigen Diskussionen im Kloster geführt haben. Schönborn bekannte sich ausdrücklich als "Fan von Turrini-Literatur“ und wies darauf hin, dass er durch Turrini überhaupt erst einen Zugang zur modernen Literatur bekommen habe.

Peter Turrini erzählte, dass er in Retz bei Schönborn immer wieder Zeichen naivster und fröhlichster Gläubigkeit in der ortsüblichen Form erlebt habe, indem er sich z. B. zu Ostern mit Retzer Wein betrunken habe und fröhlich über die Retzer Felder gelaufen sei - mit dem Satz: "Jesus ist auferstanden!“

Der Mensch im Mittelpunkt

Als Gemeinsamkeit von Kirche und Kunst sahen es sowohl Schönborn als auch Turrini an, dass es beiden um den Menschen gehen müsse. Turrini dazu: "Die wirkliche Bombe, die um uns tickt, ist die Bombe des Sozialen oder Asozialen“. Die entscheidende Frage in unserer "zum Dschungel gewordenen Welt“ sei daher: "Wie viele Menschen hast du auf deine jeweilige Art und Weise - literarisch oder christlich - wahrgenommen“.

Auch Schönborn hob als Gemeinsamkeit von Kirche und Kunst hervor, den Menschen zu helfen, "menschlich wacher zu sein, bewusster und letztlich auch menschlicher zu werden“.

Download-Tipp
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Tipp
Den Video-Stream des kompletten Gesprächs zwischen Kardinal Schönborn und dem Dichter Turrini können Sie in religion.ORF.at verfolgen.