Literatur in den Zeiten des Hyperlinks - Teil 2

Der Fortschritt schreitet voran

Nichts Neues unter der Sonne? Doch! In den Zeiten der technologischen Herausforderung werden wir gerade in der Literatur Zeugen ebenso gewagter wie gewaltiger Innovation, kreativer Kraft und unerwarteter Dominanz.

Viel ist auf diesen Seiten über das Wesen von Literaturkritik und die Position des Kritikers zu lesen. Dies bedeutet eine höchst bemerkenswerte Innovation, deren Tragweite selbst den Schreibern jener Ausführungen oft nicht bewusst ist, und die einmal ausführlich gewürdigt werden muss. Doch der Reihe nach.

In jenen alten Zeiten, in denen die Menschheit ihre Nächte mittels des Kienspans erleuchtete und ihre Kriege mit Lanzen und Schwertern führte, gab es grundsätzlich drei Arten von Literatur: Lyrik, Drama, Prosa.

Dann wurde der Buchdruck erfunden, und mit ihm - nein, nicht das Buch, das gab's schon vorher - sondern die Zeitung. Gutenbergs geniale Erfindung müsste von Rechts wegen nicht "Buchdruck" heißen, sondern "Zeitungsdruck". Doch das nur nebenher.

Bald jedenfalls zeigte sich, dass all die Zeitungen unmöglich mit den drei herkömmlichen Gattungen - Lyrik, Drama, Prosa - zu befüllen waren. Das war bei aller Erfindungsgabe nicht zu machen. Und so kreierten die Schreiber ebenso flugs wie genial ein viertes Genre: die Literaturkritik.

Kritik folgt eigenen Regeln
Dass es sich in der Tat um eine eigenständige literarische Gattung handelt, keineswegs um "Sekundärliteratur", wie sie von Neidern manchmal genannt wird, lässt sich leicht beweisen: Man lese eine Buchkritik und vergleichend dazu das zugehörige Buch. Sofort wird klar, dass die Kritik mit dem "besprochenen" Buch nicht das Geringste zu tun hat, sie vielmehr eine absolut eigenständige Schöpfung darstellt, die ihren eigenen und besonderen Regeln folgt.

So gab's nun also vier Genres: Kritik, Prosa, Drama, Lyrik.

Die Kritik ist hier sogar an erster Stelle zu nennen, dank der schieren quantitativen Dominanz, die sie sich erkämpft hat: Die Produktion von Kritik lässt das gesammelte Schreiben in den drei althergebrachten Gattungen weit hinter sich. Das ist nur teilweise mit ihrem Nachholbedarf von einigen tausend Jahren zu erklären. Der wichtigere Grund ist, dass es sich um das innovativere und produktivere Konzept handelt.

Begegnung mit der fünten Art
Doch die Zeiten wurden immer noch besser, die Drucktechniken billiger, und neuerdings kam das World Wide Web hinzu, bei dem zur Publikation von Geschriebenem nicht einmal mehr Papier nötig ist. Und wieder erwies sich, dass der nun weiter dramatisch gestiegene Textbedarf auch mit jenen vier Gattungen nicht abzudecken war.

Und so haben wir, gerade auch im Rahmen der Ö1 Internet-Literaturglosse, die innovative und kreative Erfindung einer weiteren, fünften literarischen Gattung erlebt: die Kritik der Literaturkritik. Ihren Anfang nahm sie mit der Untersuchung des Wesens der Literaturkritik, ihrer spezifischen Eigenart und ihren ästhetischen Positionen, sowie der Motivation und der spezifischen Stellung des Kritikers. Sie entwickelte sich jedoch rasant darüber hinaus. Wie einst bei der Literaturkritik selbst, die sich von der kritisierten Literatur emanzipierte und zur eigenständigen Gattung aufschwang, nabelten sich auch bei der Kritik der Literaturkritik die Schreiber mit bewundernswerter innovativer Kraft von jenen Wurzeln ab und formten das Genre hin zu Originalität und Eigenständigkeit weiter. Absolut begründet ist die Kritik der Literaturkritik mittlerweile als fünfte literarische Gattung anerkannt. Und es darf bemerkt werden, dass die Ö1 Internet-Literaturglosse hierzu ihren wesentlichen Beitrag leistete.

Dem Erfindungsreichtum sind keine Grenzen gesetzt
So kann man sehen, dass es in der Tat immer wieder Neues unter der Sonne gibt, dass der Fortschritt weiter voran schreitet, und dass die Erfindungsgabe des Menschen, zumal des schreibenden, keine Grenzen kennt.

Schlussbemerkung in aller Bescheidenheit: Wie mancher Leser ahnt, habe ich die Ehre, hiermit bereits den nächsten Schritt getan zu haben, der, wieder in aller Bescheidenheit, ein kleiner für einen Menschen ist, aber vielleicht ein großer Sprung für die Menschheit: nichts weniger als die Einführung einer neuen, sechsten literarischen Gattung: die Kritik der Kritik der Literaturkritik! Möge sie von Berufeneren ebenso produktiv und kreativ fortgeschrieben werden, wie die fünf bisherigen Gattungen.