Wirtschaftsgeschichte 1945-2005

Lässt man die letzten 60 Jahre Revue passieren, so spielte für Österreichs Wirtschaftsaufstieg neben dem Marshallplan vor allem die Sozialpartnerschaft eine wichtige Rolle, dass sich Österreich von einem der ärmsten zu einem der reichsten Industriestaaten wandelte.

Wirtschafts- und Sozialforscher Felix Butschek resümiert

Österreich, ein Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg zu den ärmsten Europas gehört, in dem nicht genug zum Essen und zum Heizen da war, hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem der reichsten Länder der Welt entwickelt. Der Weg dorthin führte von der Nachkriegszeit mit der Demontage ganzer Fabriken durch die Sowjets über die Milliardenhilfe aus dem Marshallplan zum Wirtschaftswunder. Eine wichtige Rolle für den Wirtschaftsaufstieg unseres Landes bis heute spielte auch die Sozialpartnerschaft, die Ostöffnung und der EU-Beitritt.

Die industrielle Basis nach 1945

Die Wirtschaft Österreichs war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in schlechtem Zustand. Viele Straßen, Eisenbahnen, Bahnhöfe und Fabriken waren zerstört, die Produktion der Industrie war niedrig, Kohle und andere Rohstoffe fehlten, in den Städten hungerten die Menschen.

Allerdings gab es durch die Investitionen während des Krieges eine industrielle Basis, auf die sich aufbauen ließ, sagt Hans Seidel, ehemaliger Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts und des Institus für Höhere Studien

Vieles davon, von den Kraftwerken Kaprun, Ybbs-Persenbeug, im Ennstal oder an der Drau, über den Loibl-Tunnel bis zu den Stahlwerken der späteren VOEST, wurde während des Krieges von Zwangsarbeitern aus ganz Europa geschaffen oder begonnen - unter schwersten Arbeitsbedingungen und ungezählt Todesopfern. Was mit der nach dem Krieg vorhandenen Industrie geschah, hing von der Besatzungszone ab.

Die Hilfe von außen

Bei den Westmächten lag der Schwerpunkt auf dem Wieder-in-Gang-Setzen der Wirtschaft. In der sowjetischen Zone - so Hans Seidel - wurden Vorräte und Anlagen beschlagnahmt und abtransportiert. Damit sollte das eigene, vom Krieg verwüstete Land wieder aufgebaut werden.

Umgekehrt bekam Österreich massive Hilfe: Die USA, Großbritannien und die Vereinten Nationen lieferten Lebensmittel. 1948 setzte der Marshallplan ein. Ziel war der Aufbau einer selbstständigen Wirtschaft.

Der Motor für den Aufschwung

Österreichs Wirtschaft begann wieder zu laufen. Motor war die - überwiegend verstaatlichte - Industrie. Bereits 1950 wurde die Wirtschaftskraft der Vorkriegszeit wieder erreicht, 1952 der Schilling zur stabilen Währung. Es kamen Jahre mit zweistelligem Wirtschaftswachstum - und schließlich: der Staatsvertrag, meint Felix Butschek - Volkswirt, Buchautor und Wirtschaftsforscher am WIFO.

Der Staatsvertrag ist an sich kein scharfer Einschnitt in die Wirtschaftsgeschichte Österreichs. Denn für die österreichische Wirtschaft hat schon zuvor ein "Goldenes Zeitalter" begonnen. Die Betriebe florierten, Wohnungen und Häuser wurden besser, Autos wurden angeschafft. Österreich holte den Rückstand zu anderen Industriestaaten auf.

Wichtiger Faktor: die Sozialpartnerschaft

Gut ausgebildete Arbeitskräfte und unternehmerischer Geist waren ausschlaggebend, sagt Butschek, und: die Sozialpartnerschaft. Die Zusammenarbeit zwischen Vertretern der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber schaffte ein Klima, das einerseits maßvolle Lohnsteigerungen, andererseits hohe Investitionen ermöglicht hat.

Die Ölkrisen der 70er Jahre allerdings beendeten das "Goldenen Zeitalter“.

Der EU-Beitritt und die Ostöffnung

Die große Koalition unter Bundeskanzler Franz Vranitzky war es schließlich, die Österreich in die Europäische Union führte. 1994 stimmten die Österreicher dem Beitritt zu.

Der Beitritt zur EU und die Öffnung des ehemaligen Ostblocks sind prägend für die österreichische Wirtschaft der letzten zehn Jahre. Der Wirtschaft war beides sehr nützlich, auch wenn sich Wachstumseffekte nicht genau bestimmen lassen.

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Buch-Tipps
Felix Butschek, "Vom Staatsvertrag zur EU", Böhlau Verlag, ISBN 3205772482

Hans Seidel, "Vom Kriegsende bis zum Staatsvertrag", Manz Verlag

Links
Vom Staatsvertrag zur EU - Verlag Böhlau
Von Kriegsende bis zum Staatsvertrag - Wifo-Publikation
WIFO - Wirtschaftsforschungsinstitut
IHS - Institut für Höhere Studien
Verlag Manz