Von Männersachen und Frauendingen
Gender im Museum
Im Museum betrachten weibliche Besucherinnen Gegenstände anders als die männlichen Besucher. Im österreichischen Museum für Volkskunde nehmen Medienpädagogen gemeinsam mit Jugendlichen diese geschlechtsspezifischen Blickwinkel auf Exponate unter die Lupe.
8. April 2017, 21:58
Das Volkskundemuseum setzt einen neuen Anfang, scheint es, und will die Geschichten seiner gesammelten Objekte künftig nicht mehr unreflektiert anbieten. Welchen Zusammenhang findet eine Besucherin zum ausgestellten alten Butterfass oder zur ehrwürdig durchlöcherten Schützenscheibe, welchen findet ein Besucher? Schon eine einzige Frage, fand sie, stellt das Ausgestellte auf den Kopf und lässt die Relationen purzeln.
Besonders den Besucherinnen zwischen 14 und 19 Jahren gönnt man eine Blick-Korrektur. Die Führungen "Von MÄNNERsachen und FRAUENdingen" wollen helfen, Objekt-Geschichten in die richtige Balance zu bringen. Sechs Schüler des BG Rahlgasse absolvierten einen Probelauf.
Adam und Eva auf dem Hochzeitskrug
Vor einem Keramikkrug aus dem 17. Jahrhundert, mit dem abgebildeten Apfelbaum und einem Paar, das gemeinsam auf einen Apfel zugreift, wurde zunächst die Geschichte von Adam und Eva erörtert.
Was man weiß, was man damals gewusst und gedacht haben muss. Gleich erinnern ein oder zwei an die Schuld der Eva, an ihre Rolle als Verführerin. Ebenso schnell aber kommt die Rede auf die Figur der energischen und selbstbewussten Lilit, Adams erster Frau.
Waren einmal Paare gleichwertig?
Vor dem blassgrünen Hochzeitsgeschenk, gehen die jugendlichen Augenpaare den in Würsteltechnik geformten Körpern des Stammeltern-Paares nach. Völlig ident sehen sie aus, Schultern wie Bodybuilder, Wespentaille und enorm ausladende Hüften. Die 14-Jährigen lachen. Der Keramiker habe nackte Menschen wohl nie zu Gesicht bekommen.
Auch zwischen den Beinen Neutralität ohne auch nur angedeutete Geschlechtsorgane. War es die Gleichheit, die anlässlich der Hochzeit eingemahnt werden wollte? Auch die Gesichtszüge - die engen Augen, die große Nase, Zwillingseffekt. Einziger Unterschied: Adam trägt das stark gewellte dunkle Haar kinnlang, Eva bis zum Po.
Wie kam es, dass aus friedlich demonstrierter Gleichheit eine Hierarchie entstehen konnte, in der die Frau als inkomplett und untertan übrig blieb?
Geburtsarbeit und Stressbewältigung
Den Fragen an die Godenschale (Oberösterreich, um 1900) im Landwirtschaftsraum geht es nicht anders. Zwischen Heurechen und Butterfass wird die Geschichte vom anstrengenden Wochenbett erzählt: Wie war das, wenn die Bäuerinnen ihre Neugeborenen gleich wieder mit aufs Feld nahmen, wenn sie von der Godin, der Taufpatin, die stärkende Suppe gekocht und serviert bekamen, die sie wieder für die Haus -und Stallarbeit fit bekam?
Und die Frage nach der angemessenen Rolle des Bauern bleibt dann einfach im Raum hängen, neben den Sicheln, den scharfen Sensen, den langen Haugabeln und Dreschflegeln.
Schneid und Draufgängertum
Dagegen schreiben Exponate wie die Sensenscheide (Südtirol, 19. Jahrhundert) mit dem geschnitzten Drachenkopf und dem aufgerissenen Gebiss eines Steinmarders, eine Geschichte der männlichen Eitelkeiten, eine von Schneid', Draufgängertum und Imponiergehaben. Aber auch eine vom Spott auf den Langsamen, den Ungeschickten.
Hier zeigen 14-Jährige schnell, dass sie das Gefühl verspottet zu werden, kennen. Auch wenn es den Buben nicht nachvollziehbar ist, sich über zu langsames Grasschneiden zu kränken. Und die Mädchen möchten sich mit dem Gedanken des ständigen Kräftemessens gleich gar nicht anfreunden. Letzter oder Erster, was beweist das schon.
Download-Tipp
Ö1 Club-Mitglieder können die Sendung nach Ende der Live-Ausstrahlung im Download-Bereich herunterladen.
Veranstaltungs-Tipp
"Von Männersachen und Frauendingen - geschlechtsspezifische Wahrnehmungen von Museumsobjekten, Österreichisches Museum für Volkskunde; Führungen bis 1. Juli 2005: zu buchen in der Zeit von Dienstag bis Freitag von 9:00 bis 17:00 Uhr per Telefon unter 01/406 89 05/26 bzw. E-Mail
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