Auf Radiowellen

Mit dem "silberboot"

Über Jahrzehnte hinweg war Ernst Schönwiese eine der zentralen Persönlichkeiten der österreichischen Literaturszene. Schon Ende der 1920er Jahre präsentierte er damals noch unbekannte Schriftsteller wie Hermann Broch oder Elias Canetti.

Aus einer Lesung, 1971

"Es war in den letzten Kriegstagen. Ernst Schönwiese hatte sich irgendwie nach Salzburg durchgeschlagen. An einer Straßenecke lief er einem amerikanischen Offizier in die Arme. Und obwohl er nach dem langen Fußmarsch wie ein Vagabund aussah, erkannte der Offizier offenbar gleich, was für ein Potenzial in ihm steckte. Denn zwei Stunden später saß Schönwiese in einem amerikanischen Lautsprecherwagen und verlas Meldungen. Und vom Lautsprecherwagen war es dann ein direkter Weg zur Sendergruppe Rot-Weiß-Rot."

So schildert der Schönwiese-Biograf Joseph Strelka den Beginn einer großen Rundfunkkarriere. Von 1945 bis 1954 leitete Ernst Schönwiese die Literaturabteilung des US-Alliierten-Senders Rot-Weiß-Rot in Salzburg, von 1954 bis 1971 war er Literaturchef des Österreichischen Rundfunks. Der amerikanische Offizier hatte ihn richtig eingeschätzt: Schönwiese war schon 1945 kein "Newcomer" mehr, sondern längst ein engagierter Kulturvermittler. Ab 1929 hatte der promovierte Jurist an Wiener Volkshochschulen Vorträge über Literatur gehalten und dabei seinem Publikum die Avantgarde jener Zeit präsentiert: von Robert Musil und Hermann Broch bis zum noch völlig unbekannten Elias Canetti.

Mit dem "silberboot" gegen den Kulturstrom

1935/36 gab Ernst Schönwiese die Literaturzeitschrift "das silberboot" heraus und segelte damit ganz klar gegen die offiziellen kulturpolitischen Strömungen des Ständestaates: Der geforderten Schollenverbundenheit setzte er Internationalismus entgegen, präsentierte Autoren wie James Joyce, William Faulkner oder Sinclair Lewis und bot vor allem auch Schriftstellern, deren Werke im nationalsozialistischen Deutschland bereits verfemt und verboten waren, eine Publikationsmöglichkeit.

Der zweite Jahrgang des "silberbootes" konnte allerdings erst neun Jahre später, 1946 erscheinen - wieder mit stark internationalem Gepräge und vor allem als Forum für die (durchaus nicht allseits willkommene) österreichische Emigrantenliteratur. Hin und wieder veröffentlichte Schönwiese in seiner Zeitschrift auch eigene Gedichte. Doch während er als einer der wesentlichsten österreichischen Literaturvermittler des 20. Jahrhunderts bereits in die Literaturgeschichte eingegangen ist, sind seine eigenen Arbeiten heute weitgehend vergessen. "Zu Unrecht", meint Biograf Strelka - und hofft auf eine Wiederentdeckung anlässlich des 100. Geburtstages.

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