Was geschah damals wirklich?

Auf der Suche nach Chet Baker

Chet Baker gehört zu den mythenumrankten Figuren der Jazz-Geschichte. Die schwebende Melancholie seiner Trompetenspiels begeistert Fans und Kenner bis heute, das androgyne Timbre seiner Stimme war schon in den frühen 50er Jahren ein Markenzeichen.

Kaum ein Musiker im Jazz hat Gefühle der Einsamkeit, der Trauer so bewegend eingefangen wie Chet Baker. Auch der Jazzkritiker Joachim Ernst Berendt wurde sentimental, wenn es um Chet Bakers Musik ging: "Jeder Ton, den er spielte", so hat Berendt formuliert, "war wie der Abschied von einem guten Freund."

Drogen & Knast

Zum Mythos Chet Baker trug auch seine Biografie bei, sein durch und durch verpfuschte Leben. Es war die Biografie eines Junkies. Mit 23 kommt der Sohn eines Country-Musikers aus Yale, Oklahoma, zum ersten Mal wegen Drogenbesitzes mit dem Gesetz in Konflikt. Diverse Gerichtsprozesse sowie die eine oder andere Haftstrafe folgen. In Italien sitzt der Musiker eineinhalb Jahre lang im Gefängnis, in Deutschland wird er 15 Jahre lang mit Einreiseverbot belegt.

Methadonprogramme und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken ergänzen eine Biografie, die in einer Schlägerei mit Drogendealern ihren ruhmlosen Höhepunkt findet. Im Verlauf dieser Schlägerei verliert Chet Baker seine Zähne, und zwar alle - für einen Trompeter das logische Ende seiner Karriere.

Evan Horne recherchiert

Ein Kunstgebiss ermöglicht dennoch ein sensationelles Comeback in den 70ern. Chet Baker lebt jetzt vorwiegend in Europa, vor allem in Lüttich und Amsterdam. Sein Tod macht ihn endgültig zum Mythos. Unter ungeklärten Umständen stürzt der Musiker im Mai 1988 aus dem Fenster eines Amsterdamer Hotelzimmers. Die Legenden schossen sogleich ins Kraut: War es ein Unfall? War es Selbstmord? Mord gar?

Hier knüpft der amerikanische Autor Bill Moody an. Vor einigen Jahren hat Moody einen als Detektiv dilettierenden Jazz-Pianisten namens Evan Horne erfunden. Vier Romane aus der Evan-Horne-Reihe gibt es schon, jetzt, im fünften heftet sich der psychisch etwas labile Jazzer auf die Spuren Chet Bakers. Evan Horne lässt sich von einem Freund überreden, mit ihm zusammen die Umstände zu recherchieren, die zum Tod des berühmten Jazzers geführt haben. Horne begibt sich nach Amsterdam. Als sein Freund spurlos verschwindet, gibt es nur eine Chance ihn wiederzufinden: Nachforschungen über Chet Baker anzustellen. Die führen tief in den Drogensumpf von Amsterdam.

Autor als Jazzer

Autor Bill Moody ist in höchstem Maße qualifiziert, einen solchen Krimi zu schreiben, ist der 63-Jährige doch im Zweitberuf selbst Jazz-Schlagzeuger: Moody hat zusammen mit Jazz-Größen wie Earl Hines oder Maynard Ferguson gespielt, verrät der Klappentext des Buchs. Ob der Mann als Jazzer begabter ist denn als Autor? Sein Chet-Baker-Krimi jedenfalls kommt nur schwer in die Gänge. Zwar ist alles da, was man für einen richtigen Jazz-Roman braucht: rauchige Clubs, genialische Instrumentalisten, exzessive Soli, aber letztlich wirkt der Plot doch etwas konstruiert.

Bill Moody ist nicht der erste, der das Thema Jazz literarisch in den Griff zu bekommen versucht: Man denkt an James Baldwins Erzählung "Sonny's Blues" oder an den "Verfolger" von Julio Cortázar, einen wunderbaren Text, der in kaum verschlüsselter Form Tragik und Genie Charlie Parkers zum Thema macht.

Bill Moodys Buch ist ein Genre-Mix aus Chet-Baker-Biografie und mäßig inspiriertem Krimi, eine Art Donna Leon für Soft-Jazz-Fans. Wer sich damit zufrieden gibt: nur zu. Wer anspruchsvollere Kost bevorzugt, sollte sich an Julio Cortàzar halten.

Buch-Tipp
Bill Moody, "Auf der Suche nach Chet Baker", aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Unionsverlag, ISBN 3293003303