Rolf Schwendters Theorie der Subkultur

Rolf Schwendter erforscht Subkulturen, nicht aus der Höhe akademischer Gutbürgerlichkeit, er war in den Milieus, die er beschreibt, auch selbst heimisch. Bekannt ist Rolf Schwendter allerdings auch als Literat, Musiker, Schauspieler und Koch.

Rolf Schwendter, eigentlicher Name Rudolf Scheßwendter, Jahrgang 1939, wuchs in Wien auf. Hier studierte er Theaterwissenschaften, Jus, Soziologie und Theologie. Neben seinem Wirken als Philosoph machte sich Schwendter als Literat, Musiker, Schauspieler und Koch einen Namen. 1975 trat Schwendter an der Gesamthochschule Kassel eine Professur als "Devianzforscher" an. Und diese "Devianz", das "von der Norm abweichende Verhalten", ist Schwendters Lieblingsthema bis heute.

Auf der Suche nach dem alternativen Utopia

Rolf Schwendter hat seine Subkultur-Theorie 1970 verfasst, erschienen ist der Band 1973, zu einer Zeit also, in der die Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen großen Stils teilweise noch aufrecht waren, während sich bereits die ersten Landkommunen gebildet hatten und manche bereits von ihrem ganz privaten alternativen Utopia zu träumen begonnen hatten.

Das war die große Spaltung: Auf der einen Seite die politischen - marxistisch-leninistisch oder maoistisch orientierten - Gruppen, und auf der anderen Seite die Langhaarigen, Verweigerer, Hippies, Öko-Freaks, friedensbewegte John-Lennon-Anhänger oder von LSD faszinierte Aussteiger.

Es gibt nicht eine Subkultur

Genau da hakt Rolf Schwendters Untersuchung ein und stellt fest, dass all jene, die von außen stigmatisierend als Anpassungsverweigerer, als subversive Elemente, eben als Subkultur bezeichnet werden, keineswegs EIN homogenes Ganzes bilden, sondern höchst unterschiedliche Subkulturen. Ihnen allen gemeinsam jedoch ist vor allem eines: die Auflehnung gegen das so genannte Establishment.

Gesellschaftliche Gruppierungen

Selbstverständlich befindet sich das Establishment am obersten Ende der gesellschaftlichen Pyramide, deren Wesen Schwendter mit nahezu mathematischer Akribie seziert.

Am Ende stehen Quer- und Längsschnitte mit Auflistungen unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppierungen und deren kultureller Gewohnheiten, von der frühen Arbeiterbewegung über das für damals neue Phänomen einer breiten Jugendprotestbewegung bis hin zu Randphänomenen wie den Zeugen Jehovas.

All diese Segmente, die nichts mit dem so genannten Establishment zu tun haben, fasst Schwendter zunächst unter dem Begriff "kompakte Majorität" zusammen. Unter diesem Begriff subsumiert er das Proletariat: Arbeiter, Angestellte, durchschnittliche Beamte, technische Intelligenz, einschließlich des Lumpenproletariats.

Regressive und progressive Subkulturen

Schwendter nimmt Subkulturen nicht nur ernst, er schreibt ihnen auch politische Ziele zu. In einer weiteren Untereilung scheidet Schwendter so genannte regressive von progressiven Subkulturen. Er trennt z. B. herumstreunende Obdachlose von bewussten Verweigerern, die an Utopien glauben und das gesellschaftlich Bessere, Andere anstreben.

Kaum zu übersehen ist, dass es in der Theorie der Subkultur nicht bloß um eine Auflistung diverser Szenen geht. Vielmehr untersucht Schwendter, in welchen Gruppen sich ein Potenzial zur gesellschaftlichen Veränderung findet; wie also durch Verweigerung des Leistungsprinzips und Besinnung auf das Lustprinzip eine bessere Welt entstehen könnte.

Fortsetzung als Cultural Studies

Als abschließende Frage bleibt: Hat Schwendters Theorie der Subkultur abseits der angewandten Praxis im Umfeld von Kassel irgendwo ihren Niederschlag gefunden? Im Wissenschaftsbereich gilt die Theorie der Subkultur als singuläre Erscheinung des deutschsprachigen Raumes.

Seit Erscheinen der Studie hat sich aber mittlerweile im angloamerikanischen Raum eine Wissenschaftsrichtung entwickelt, die unter der Bezeichnung "Cultural Studies" bekannt wurde. Dieser Forschungszweig ging ursprünglich zwar von ähnlichen Ansätzen aus, widmete sich dann aber bald Themen, die mit Pop- und Medienkultur zu tun haben, sowie der auch für das Werk Schwendters wichtigen Frage, wie weit Forscher ihre Untersuchungsgegenstände - gewissermaßen als Wunschvorstellung - selbst erfinden. Beobachtet man die Konjunkturen im Wissenschaftsbereich, so könnte man sagen: Die Cultural Studies haben die Subkulturforschung abgelöst.

Buch-Tipps
"Theorie der Subkultur", Europäische Verlags Anstalt, Taschenbuch Nr. 210, ISBN 3434462104

"Subkulturelles Wien", Promedia Verlag, ISBN 3853712150

"Utopie. Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff", ID Verlag, ISBN 3894080345

"Drogenabhängigkeit und Drogenkultur", Edition S der Österreichischen Staatsdruckerei

"Vergessene Wiener Küche", Promedia Verlag, ISBN 3853712266 (erscheint im Oktober 2004)

"Arme essen - Reiche speisen. Neuere Sozialgeschichte der zentraleuropäischen Gastronomie", Promedia-Verlag, ISBN 3900478899

"Tag für Tag, eine Kultur- und Sittengeschichte des Alltags", Europäische Verlags Anstalt, ISBN 343450091X

"Rosa Luxemburg im Botanischen Garten. Neue Lieder zur Kindertrommel", Der Grüne Zweig, ISBN 3925817832

"Drizzling Fifties", Gedichte, Deuticke Verlag, ISBN 321630213X