Letzte Dinge

Was denken Ilse Aichinger und Friederike Mayröcker, die großen alten Damen der österreichischen Literatur, über den Tod? Julia Kospach hat sie befragt und diese Interviews vor einigen Jahren im "profil" veröffentlicht. Jetzt sind sie als Buch erschienen.

Im Jahr 2004 erschienen im Nachrichtenmagazin "Profil" zwei kurze Ausschnitte aus Gesprächen, die die Kulturjournalistin Julia Kospach mit den beiden großen alten Frauen der österreichischen Literatur, Ilse Aichinger und Friederike Mayröcker, zum Thema Tod geführt hatte. Aichinger war damals 83, Mayröcker 80 Jahre alt. Anlässlich eines Interviews mit dem Objektkünstler Daniel Spoerri, der seit 2007 in Wien lebt, hatte Kospach die Gelegenheit, ihm diesen Artikel zu zeigen.

Damals arbeitete er gerade an gerahmten Assemblagen, in denen er auf handbedruckten Stoffen der Wiener Textilkünstlerin Ursi Fürtler Schädel und Knochen kleiner Nagetiere oder Vögel mit Flohmarktstücken, Antiquitäten und anderen Zufallsfunden in neue Zusammenhänge brachte. Spoerri interessiert, was übrig bleibt von Prozessen und Ritualen, vom Leben und Sterben und vom alltäglichen Gebrauch. So entstand die Idee, diese Art der künstlerischen Resterlverwertung mit den Gesprächen über die "Letzten Dinge" zu verbinden.

"Also es gab niemanden, der die Interviews nicht interessant gefunden hätte", erzählt Julia Kospach im Gespräch, "aber es gab einige, die gesagt haben, wer soll das lesen, beziehungsweise wer soll das kaufen, denn 80 Prozent der Bücher werden verschenkt und es ist schwierig, Bücher mit Interviews über den Tod zu verschenken. Das war das eine Argument. Und das andere Argument war, wir machen das Buch nur, wenn wir uns wirtschaftlich ins Knie schießen wollen und das wollen wir nicht."

Verschwinden oder ewig leben

Schließlich hat sich der Mandelbaum-Verlag entschlossen, das Buch herauszugeben und zwar auf eine Art und Weise, die auch den Intentionen aller Beteiligten entsprach. Nicht als verschämten Band zu einem beunruhigenden Thema, sondern als schönes, offenherziges und offensives Kunstobjekt, in dem Spoerris Assemblagen gemeinsam mit den radikal zueinander in Widerspruch stehenden Statements von Aichinger und Mayröcker zum Thema Tod brillieren.

Die eine möchte am liebsten niemals geboren sein, die andere, ewig leben. "Diese Sucht zu Verschwinden war immer sehr stark", sagt Ilse Aichinger. "Wenn mich irgendein Mensch gefragt hätte, hätte ich sofort gesagt, dass ich weder von einem Gott, noch irgendjemand anderen gedacht worden sein will. Mein Ehrgeiz ist es, überhaupt nie existiert zu haben, in keinem Gedanken. Ich will Zeit verlieren, das wollte ich von früh an und das wird auch meine letzte Devise sein."

"Also es ist natürlich ein Wahnsinnsgedanke, wenn man sich denkt, dass alle Menschen immer leben, dann wär die Erde natürlich übervölkert", so Friederike Mayröcker. "Aber es ist ein Wunschgedanke, eine Fantasie. Und ich hab noch so viel zu tun und dann könnte ich vielleicht Länder bereisen, ich könnte noch andere Sprachen lernen und alle Dinge tun, die ich bis jetzt nicht habe tun können."

"Mayröcker stellt den Tod immer als Zerstörer, Zerbrecher und als Hassobjekt dar", meint dazu Julia Kospach. "Bei Ilse Aichinger ist es so, dass der Tod als Sehnsuchtsraum auftaucht. Es ist ein unheimlicher Kontrast zwischen den beiden Standpunkten und ich fand den Kontrast reizvoll, habe mich aber lang gescheut, Interviews zum Thema Tod mit den beiden zu machen, einfach weil man sich scheut, alte Frauen zu fragen, ob sie mit einem über den Tod sprechen wollen. Irgendwann hab ich mich dann trotzdem dazu durchgerungen und beide haben so reagiert, als ob man sie nach der selbstverständlichsten Sache der Welt fragt."

Unterschiedliche Haltungen

Verbindend zwischen Aichinger und Mayröcker die exzessive Auseinandersetzung mit dem Tod, trennend die extrem unterschiedlichen Haltungen. Ilse Aichingers Position erscheint widersprüchlicher, aber deshalb nicht weniger glaubwürdig.

"Der Zustand, den sie am meisten anstrebt, das Wegsein und das Totsein, ist zugleich der Zustand, den sie niemals bewusst erleben und daher den Triumph nicht auskosten kann", meint Kospach. "Es ist ihr nur bewusst, dass man nicht gleichzeitig weg sein und zwar vollkommen weg sein und gleichzeitig das Wegsein genießen kann und das ist so der Stachel."

Der Stachel des Lebens auf Aichingers, der Stachel des Todes auf Mayröckers Seite. Der Unversöhnlichkeit Ilse Aichingers mit dem Leben steht die nicht weniger kompromisslose Unversöhnlichkeit Friederike Mayröckers mit dem Tod gegenüber.

"Und noch erstaunlicher, dass ihr die Vorstellung von einem ewigen Leben des Menschen überhaupt keine Probleme bereitet", ergänzt Kospach. "Sie würde sich am liebsten einfrieren, auch in dem Status quo und immer so weiter machen, es ist nichts daran, was sie beunruhigt, während der Tod sie wirklich beunruhigt und zwar im Gegensatz zu Ilse Aichinger, die das Sterben beängstigt, beängstigt die Friederike Mayröcker mehr der Zustand des Gestorbenseins. (...) Es ist fast noch mehr Hass als Angst."

Wille zur Nichtexistenz

Ist die Auseinandersetzung mit dem Tod für beide Autorinnen auch Schreibmotivation? "Ilse Aichinger sagt, gute Literatur ist mit dem Willen zur Nichtexistenz identisch", so Kospach. "Und sie glaubt, dass man diesen Willen zur Nichtexistenz braucht, um gute Literatur schreiben zu können. Gleichzeitig hat sie immer weniger geschrieben und es ging ihr immer um äußerste Präzision, um äußerste Genauigkeit. Ich stelle mir vor, sie meint, dass es diesen Willen zum Nichts, auch zum Nichts-Schreiben geben muss, damit gute Literatur entstehen kann. Bei Friederike Mayröcker denke ich, daee sie zu einem Teil gegen den Tod anschreibt. Allerdings glaub ich nicht, dass sie den Tod als Vehikel bräuchte. Ich glaube, dass das Schreiben ihr hilft, mit der Unausweichlichkeit des Todes umzugehen."

Service

Buch-Tipp
Julia Kospach, "Letzte Dinge. Ilse Aichinger und Friederike Mayröcker. Zwei Gespräche über den Tod. Mit Assemblagen von Daniel Spoerri", Mandelbaum Verlag

Link
Mandelbaum Verlag - Letzte Dinge