De Bello Phallico

Sexualität, zumal die weibliche Lust, ist immer noch ein wenig beachtetes, wenn nicht gar ein Tabuthema. Miriam Pobitzers Buch "De Bello Phallico" zeigt auf höchst amüsante Weise auf, dass das nicht immer so gewesen ist.

Es muss einmal ein goldenes Zeitalter von Lust und Sinnlichkeit gegeben haben, eine Zeit, in der vor allem Frauen Sexualität auf eine Weise leben konnten, die nach heutigen Moralvorstellungen völlig unvorstellbar erscheint. Das ist eine der Schlussfolgerungen, die man aus der Lektüre des Buches "De Bello Phallico" der Südtiroler Psychologin, Sexualpädagogin und Sexualberaterin Miriam Pobitzer gewinnt.

Aus dieser "lustreichen Vorzeit" gibt es zahlreiche Überlieferungen, die darauf schließen lassen, berichtet die Autorin und bringt einige Beispiele: Phallussymbole aus der frühen Urgeschichte etwa; oder das sumerische Gilgamesch-Epos, das älteste literarische Werk überhaupt, das sexuelle Liebe äußerst sinnesbetont beschreibt und in seinen Versen Fruchtbarkeit und Liebe lobpreist; oder auch das Hohelied Salomons in der Bibel, das den Geschlechtsakt feiert.

Früher geschätzt und verehrt

Von freizügig gelebter Sexualität zeugen auch Berichte über orgiastische Feiern von Frauen aus dem antiken Griechenland - Beweise dafür, dass die sexuelle Freiheit der Frau bis vor rund 3.000 Jahren als völlig normal und wichtig angesehen worden sei, so die Autorin. Eine Sammlung von Maueraufschriften aus Pompeji wiederum zeige, dass Männer Frauen gegen Bezahlung ihre Dienste anboten und dass noch in Pompeji körperliche Liebe ganz offenbar als gesundheitsfördernd begriffen worden sei - auch wenn sich damals im Römischen Reich bereits eine restriktivere Sexualmoral abzuzeichnen begann.

Viele dieser Symbole, Funde oder Überlieferungen lassen jedenfalls darauf schließen, dass Sexualität einst eng mit Religion verbunden war.

In vielen Quellen entsteht der Eindruck, ältere Kulturen hätten eine reichere und freiere Sexualität gelebt als wir. (...) Erst mit der voranschreitenden Zivilisierung des Menschen wird die Sexualität Zwecken unterworfen, die außerhalb von Religiosität oder Lustgewinn liegen. Dadurch verliert die Sexualität ihre ursprüngliche kreative Energie und wird zum Zentrum gesellschaftspolitischer Interessen.

Von der Kirche verteufelt

Der Wandel in der Einstellung zur Sexualität sei rund 3000 v. Chr., mit der Machtübernahme des Patriarchats, anzusetzen, so die Autorin. Mit der Einführung von Ehe und Treue wurde vor allem die weibliche Sexualität immer mehr eingeschränkt und tabubehaftet.

Das 17., 18., und teilweise auch das 19. Jahrhundert waren düstere Zeiten. Selbstbefriedigung etwa wurde von den Kirchen verteufelt, von der Wissenschaft als krank machend bezeichnet und von Pädagogen, Medizinern und Gesellschaft unter Strafe gestellt.

"Elektrische Hilfsmittel" im 19. Jahrhundert

Es sei Teil der unterdrückten weiblichen Sexualgeschichte, dass Frauen in der Vergangenheit sehr fantasievoll mit Hilfsmitteln aller Art umzugehen wussten, um sich damit selbst genussvolle Befriedigung zu verschaffen, schreibt Miriam Pobitzer.

In die Zeit des späten 19. Jahrhunderts fällt die höchst amüsant zu lesende Geschichte des Vibrators, der ursprünglich von Ärzten entwickelt wurde, um damit Muskelgewebs- und Durchblutungsstörungen zu kurieren. Später wurde er zur Behandlung der mit Nymphomanie und Hysterie einhergehenden Störungen eingesetzt. Und war offenbar weit verbreitet: So finden sich in einer Zeitungsannonce des amerikanischen Versandhauses "Sears, Roebuck and Company" aus dem Jahr 1918 für "elektrische Hilfsmittel, die jede Frau sehr schätzt" neben Nähmaschine und Mixer auch verschiedene Vibrator-Modelle.

Forderung nach Selbstbestimmung

Zu dieser Zeit, etwa ab Ende des 19. Jahrhunderts, leitete die erste Frauenbewegung Schritte zur Emanzipation und zu einer selbstbestimmten Sexualität von Frauen ein, deren Erreichen jedoch noch weitere Jahrzehnte dauern sollte. Und zum Teil wirken die diversen gesellschaftlichen Mythen und Moralvorstellungen, von denen in "De Bello Phallico" die Rede ist, bis heute noch nach.

Was uns trotz aller Aufklärung heute noch fehlt, ist ein Lebenskult, der den Körper mit seinen Empfindungen verehrt, der partnerschaftlichen, ekstatischen Austausch zwischen den Menschen befürwortet und zu individueller Lebenslust geleitet. Eine Kunst, die vor 4.000 Jahren noch gelehrt wurde und auch heute noch in manchen Völkern praktiziert wird.

Sex ist gesund

So endet das Buch denn auch mit heutigen Problemen eines unbefriedigenden Sexuallebens und Hinweisen auf die gesundheitsfördernde Wirkung von Sexualität. Sexualität gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen, betont die Autorin, die als Psychologin und Sexualberaterin in ihrer eigenen Praxis tätig ist, Sexualität ist gut für Körper und Seele.

Liebe, Lust und Sex können Offenheit, Neugierde und Genuss sein. Das und das Vergnügen mit sich selbst wünsche ich allen Leserinnen und Lesern.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Hör-Tipp
Diagonal zum Thema Desperate Housewives, Samstag, 30. Juni 2007, 17:05 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Buch-Tipp
Miriam Pobitzer, "De Bello Phallico", Edition Raetia, 2006, ISBN 978-8872832592