Exile on Main St.

"Exile On Main Street" gilt heute als eines der besten Alben der Rolling Stones, für viele ist es sogar das beste überhaupt. Es erschien am 12. Mai 1972 und verwirrte die Kritiker. Der Entstehungsgeschichte des Albums widmet Robert Greenfield ein Buch.

Es waren die wohl schwärzesten neun Monate der Rockgeschichte. Am 18. September 1970 starb Jimi Hendrix in London. Nicht einmal drei Monate später folgte Janis Joplin. Und am 3. Juli 1971 erwischte es den Sänger der Doors, Jim Morrison. Es hätte nicht viel gefehlt und ein weiterer Held des Rock'n'Roll wäre ebenfalls an seiner Drogensucht zu Grunde gegangen: Keith Richards, der Gitarrist der Rolling Stones.

Künstlerisch hatten die Rolling Stones zu Beginn der 1970er Jahre ihren ersten Zenit erreicht. Ihre Platten verkauften sich hervorragend, die Fans lagen ihnen zu Füßen. Finanziell aber sah es gar nicht gut aus, wie sich Mick Jagger später erinnerte.

"Und dann habe ich nach acht Jahren Arbeit auf einmal herausgefunden, dass keiner jemals meine Steuern bezahlt hat und ich einen Riesenhaufen Schulden hatte. Da bleibt einem nur eines - das Land verlassen. Also habe ich gesagt: Scheiß drauf und habe das Land verlassen."

Herumhängen und sich zudröhnen

Auf der Flucht vor den englischen Steuerbehörden lassen sich die Rolling Stones in Südfrankreich nieder. Keith Richards mietet sich nahe von Nizza eine prachtvolle Villa und die Band plant, dort ihre neue Platte einzuspielen. Aber von künstlerischer Arbeit ist man weit entfernt. Keith Richards verbringt seine Zeit meist zugedröhnt. Seine Lebensgefährtin Anita Pallenberg ist ebenfalls dem Heroin verfallen und bald schon tummeln sich in der Villa Nellcote die seltsamsten Gestalten.

Es sind wirre Monate, die die Band in Villefranche verlebt. Untertags geht kaum etwas, ist doch Keith Richards außerstande zu arbeiten. Irgendwann gegen Abend erwacht er und spielt ein paar Riffs. Mick Jagger kommt und geht, fliegt immer wieder zu seiner Frau Bianca nach Paris und ist, wenn anwesend, zumeist beleidigt. Außerdem soll er mit Keith Richards Freundin Anita Pallenberg ein Verhältnis haben.

Die restlichen Musiker sitzen herum und warten. Um die Zeit tot zu schlagen, beginnen sie, ein eigenes Spielcasino einzurichten. Dann kommt auch noch Gram Parsons vorbei, ein begnadeter Musiker und Songschreiber, aber auch er einer, der komplett den Drogen verfallen ist.

Einmal rief Gram Parsons bei der Aufnahme der Backing Vocals "Mann, ich kann keinen Ton hören mit diesen verdammten Kopfhörern!" Als Andy sich um das Problem kümmern wollte, stellte er fest, dass Gram überhaupt keinen Kopfhörer auf dem Kopf hatte, sondern das Fußpedal von einem Verstärker an sein Ohr drückte.

Flucht nach L. A.

Die Zeit kriecht dahin. Irgendwann wird in die Villa eingebrochen; irgendwann ist Keith Richards in eine Schießerei verwickelt und irgendwann wird er mit einer Überdosis Heroin ins Spital eingeliefert. Und irgendwann reicht es selbst den sonst so nachsichtigen südfranzösischen Behörden. Die Rolling Stones werden wegen Drogenbesitzes und Weitergabe angeklagt und müssen nach acht chaotischen Monaten, in denen das neue Album nicht einmal annähernd fertig geworden ist, Hals über Kopf aus Frankreich fliehen. Sie lassen sich in Los Angeles nieder und hoffen dort, die Platte beenden zu können.

Ein unter Heroineinfluss entstandenes Album mit lauter in Endlosschleifen endenden Songs, die sich anhören, als hätte es niemand übers Herz gebracht, endlich mit dem nächsten Song zu beginnen, wird nun von Leuten gemixt, die sich allesamt Koks der Spitzenklasse in die Nase ziehen - eine Droge, die den Prozess klarer Entscheidungen auch nicht eben beschleunigt.

Faszinierendes Dokument

Am 12. Mai 1972 wird "Exile on Main Street" endlich veröffentlicht. Und wird von der Kritik zwiespältig aufgenommen. Keine Hits finden sich darauf, zu unentschieden ist die Produktion, Mick Jaggers Stimme weit in den Hintergrund gemixt. Aber für die Stones hat sich die Platte ausgezahlt. Endlich können sie ihre Amerika-Tournee starten und mit dem Geld, das sie dort einnehmen, ihre Schulden begleichen.

Robert Greenfield hat mit seinem Buch ein faszinierendes Dokument vorgelegt. Obwohl bei den Aufnahmen in Südfrankreich nicht anwesend, schafft er es perfekt, die Stimmung von damals einzufangen. All der Wahnsinn, all die Mythen und falschen Versprechungen dieser Epoche werden in diesem Buch spürbar.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Robert Greenfield, "Exile on Main St. Ein höllischer Sommer mit den Rolling Stones", aus dem Englischen übersetzt von christoph Hahn, Verlag Rogner & Bernhard, ISBN 978-3807710303