90 Prozent zeitgenössische Musik

Tango Nuevo

Es war nicht Tanzmusik, die Astor Piazzolla geschrieben hat, sondern Musik zum konzentrierten Zuhören. Komplexe Kammermusik, entstanden aus einem Gewirr verschiedener Traditionen. Tango-Traditionalisten waren empört.

Astor Piazzolla, "Verano Porteno", 1970 und 1983

"Ich spiele eher für Leute, die meine Musik lieben, als für Leute, die den Tango lieben“, hat Astor Piazzolla einmal gemeint und das sagt schon Bezeichnendes für das Innovative seines Tango Nuevo. Am 11. März 1921 kam Piazzolla im eleganten Seebad Mar del Plata am Atlantik, 400 Kilometer entfernt von Buenos Aires, auf die Welt.

Es war nicht Tanzmusik, die Piazzolla geschrieben hat, sondern Musik zum konzentrierten Zuhören. Fein nuanciert, neuartig in den Klangfarben und dissonanten Harmonien, attackierend im Rhythmus; komplexe Kammermusik, konzertante Musik, entstanden aus einem Gewirr verschiedener Traditionen. Seine Kompositionen beständen aus 10 Prozent Tango und 90 Prozent zeitgenössischer Musik, so Piazzolla einmal.

Aus dem Land gejagt

Kein Wunder, dass ihn die Tango-Traditionalisten beschimpften, zur Zeit der Militärjunta aus dem Land jagten, ihn als Totengräber des guten alten klischeegetränkten Tangos schmähten. Zu radikal, zu schonungslos, zu kantig war seine Handschrift, zu ausgearbeitet die Arrangements, zu viel Freiheit, Leidenschaft für die Musik und Leidenschaft für die eigene, innere Stimme. Libertango.

Wie viel interpretatorische, improvisatorische Freiheit Piazzolla ermöglicht und trotzdem nicht am Wesen der Komposition kratzt, zeigt eine Aufnahme vom Sommer seiner "Vier Jahreszeiten" mit dem Titel "Verano Porteno". Ein Sommer in der Seelenstadt des Tangos: Die Einwohner von Buenos Aires nennen sich Portenos. Hören Sie im ersten Teil unseres Audios "Verano Porteno" in einer Live-Aufnahme aus dem Jahr 1970. Hitze, Polizeisirenen und anderer Großstadteindrücke.

Piazzolla im Wiener Konzerthaus

Im Zweiten Teil des Audios: "Verano Porteno", wieder live, wieder mit Piazzolla. Die Besetzung ist die gleiche, Bandoneon, Gitarre, Klavier, Bass, Violine. Seine Mitstreiter: Pablo Ziegler (Klavier), Oscar Lopez Ruiz (Gitarre), Hector Console (Bass) und Fernando Suarez Paz (Violine), die Aufnahme entstand 1983 im Wiener Konzerthaus. Sie dauert fast doppelt so lang wie die des Jahres 1970. Piazzollas Musik ist zwar auskomponiert, setzt aber dem individuellen Umgang mit ihr keine Grenzen, erlaubt sehr viel Freiheit an persönlichem Ausschöpfen der instrumentalen Möglichkeiten.

Hör-Tipp
Ausgewählt, jeden Mittwoch, 10:05 Uhr

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Astor Piazzolla

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