ORF/ORSINI UND ROSENBERG
Radiokolleg | Podcast
Im Warteraum der EU
Eine neue Podcast-Serie reist einmal quer über den Balkan. In jene Länder, die seit zwei Jahrzehnten der EU beitreten wollen. Werden wir sie jemals einlassen?
12. Mai 2026, 09:55
Der Podcast ist ab 18. Mai 2026 auf ORF Sound und überall, wo es Podcasts gibt, verfügbar. Die 8-teilige Serie ist auch im Ö1 Radiokolleg zu hören. Erste Staffel: 18. bis 21. Mai 2026. Zweite Staffel: 15. bis 18. Juni 2026, jeweils um 9:05 Uhr.
Eine Kurve noch, dann beginnt die Schotterpiste. Es ist ein schmaler Weg, der sich die Küste entlang schlängelt. Fünfzehn Minuten lang ruckelt das Auto hin und her wie eine Packung Streichhölzchen. Dann sind wir da. Wir parken hinter pinken Oleanderbüschen und setzen uns auf eine aus Holz gebaute Veranda mit Blick auf das Meer. Es ist Frühling, ein Tag Anfang April, und die Blumen beginnen zu blühen. Unter einer Palme bauen wir unser Aufnahmegerät auf. Der Kellner bringt einen Espresso, später Fisch und etwas Salat.
Wir tanken Ruhe und salzige Luft, bevor es auf eine lange Reise geht. Ins „Las Vegas“ des Balkans, eine für ihre Casinos bekannte Stadt an der griechischen Grenze. Auf einen der malerischsten Berge Montenegros. Auf eine Militärparade im Kosovo und an die letzten unverbauten Wildflüsse unseres Kontinents.
Host der Serie ist die Schauspielerin Marie-Luise Stockinger. Recherchiert hat sie Franziska Tschinderle, eine Journalistin, die sich seit Jahren mit dem Balkan beschäftigt und mittlerweile auch dort lebt.
ORF
Franziska Tschinderle im Gespräch mit Vladimir Nikać, Kapitän am Skadar-See, dem größten See auf dem Balkan, in Montenegro.
Wollen wir wieder wachsen?
Die EU will wieder wachsen. Aber sind wir bereit, neue Mitglieder aufzunehmen? Macht uns das in einer Welt, die immer mehr von Großmachts-Denken geprägt ist, stärker? Oder drohen wir, daran zu zerbrechen, wenn zu viele Länder mit am Tisch sitzen?
Auf dem Balkan warten sechs Länder seit fast einem Vierteljahrhundert auf ihre Mitgliedschaft. Der so genannte Westbalkan ist weniger geografische Region als Wartezimmer. Man könnte auch sagen: Der Restbalkan. Länder, die in Europa sind, aber noch nicht vollends dazugehören. Und dass, obwohl die Stimmung dort pro-europäischer ist als in so manchem Mitgliedsland.
Aktuell hat die EU 27 Mitglieder. 2013 trat Kroatien bei und 2020 verließ mit Großbritannien erstmals ein Mitglied die Union. Seitdem fehlt der politische Wille, um die nächste Erweiterung zu wagen. Die Sorgen sind groß. Hat uns die Regierung von Viktor Orbán in Ungarn nicht aufgezeigt, wie leicht sich ein Mitglied zum Handlanger Russlands und zum Trojanischen Pferd von Wladimir Putin wandeln kann?
All diesen Fragen wollen wir auf den Grund gehen. Denn auch wenn die EU-Erweiterung in den Medien wenig Berichterstattung findet, so dreht sie sich doch um eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Wie muss sich Europa wandeln, um in Zukunft konsens- und handlungsfähig zu sein? Aber auch: Macht sich die EU langfristig nicht unpopulär auf dem Balkan, wenn sie die Menschen dort über Jahrzehnte warten lässt? Kann es hier langfristig wieder zu Kriegen kommen, wie das mehrmals im 20. Jahrhundert der Fall war?
Reise durch alle sechs Länder
Vom Strand an der Adria geht es auf eine lange Reise durch Serbien, Kosovo, Nordmazedonien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Albanien. Mit der Ausnahme Albaniens sind alle Länder aus der Erbmasse des ehemaligen Vielvölkerstaates Jugoslawien entstanden, der in den Neunzigerjahren in blutigen Kriegen zerfiel.
Die Region wird flankiert von Italien im Westen, Griechenland im Süden, den Alpen im Norden. Dort leben weniger Menschen als in den Niederlanden. Wirtschaftlich gesehen ist es kein besonders großes Risiko, diese Länder aufzunehmen. Politisch fehlte aber bisher der Wille, aus Angst, die EU könnte an zu vielen Mitgliedern zerbrechen.
Ein neues Momentum
Dazu kommen bilaterale Streitigkeiten. Kosovo liegt im Clinch mit dem Nachbarn Serbien und wird darüber hinaus von fünf EU-Mitgliedsländern nicht anerkannt. Nordmazedonien, ein kleines Land mit 1,8 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern, wird von Bulgarien blockiert. Bosnien-Herzegowina hat noch nicht einmal Verhandlungen begonnen. In Serbien wurde - ähnlich wie in Ungarn - systematisch die Demokratie ausgehöhlt.
Also alles aussichtlos? Nicht ganz. Ein neuer Ruck geht durch die EU. Ausgelöst vom Überfall Russlands auf die gesamte Ukraine im Februar 2022. Die EU will wieder ein geopolitischer Player sein und Präsenz in der einzigen Einflusssphäre zeigen, die sie hat: eben dem Westbalkan.
Die Serie lässt eine Vielzahl an Menschen zu Wort kommen. LKW-Fahrer in Nordmazedonien, ein katholischer Priester in einem kleinen Dorf im Norden Albaniens. Eine Studentin in Serbien, die seit Jahren gegen das autokratische Regime von Präsident Aleksandar Vučić auf die Straße geht. Ein Fischer in Montenegro, der in einem Dorf am Skadar-See lebt, dem größten See auf der Balkanhalbinsel. Dazu kommen Interviews mit Entscheidungsträgern in Brüssel und den europäischen Hauptstädten. Im österreichischen Außenministerium ebenso wie in der EU-Kommission in Brüssel.
Immer geleitet von der Frage: Sind wir bereit, unsere Nachbarn, die am Gartenzaun warten, auf die Party zu lassen?
