Die Rächer der Enterbten
VI. Die Jugendredaktion
nicht auf startseit
8. April 2017, 21:58
Ja. Das waren wir, die Jugendredaktion. In jeder Hinsicht. Rundfunkreform hin oder her, wir konnten unter der dünnen Reformdecke überall nur blanken Stockkonservativismus bemerken. Und Reglementierung von Oben. Zum Proporz von Rot und Schwarz kam halt jetzt noch die
Bacher-Partei dazu, aber von Demokratisierung keine Spur. Allerorts noch der alte Kasernenhofton … Selbst die Jugendredaktion war verordnet, die Sendezeit zugeteilt worden: in Ö3 die tägliche "Musicbox", in Ö1 täglich eine halbe Stunde. Basta.
Das war zwar viel (vielleicht zu viel), aber uns war es recht. Hatten wir doch auf allen Gebieten versprochene (Narren-)Freiheit. Und die wollten, ja mussten wir auskosten. Schließlich blieben ja die heißen Themen, die uns Jungen unter den Nägeln brannten, bei diversen Programmreformen weit gehend ausgespart: die Politik lächerlich, Ö3 verblödet, der Schulfunk am Gängelband, die Literatur von gestern, die Erziehung autoritär, die Altvorderen gönnerhaft arrogant - kurzum: Man musste eben alles selber machen …
Nur Bacher, das sei hier ausdrücklich erwähnt, hatte "ein gewisses Faible für Aufmüpfigkeit" (Gaisbauer). Fast täglich gab es Ärger. Nach innen und außen. Schließlich waren wir auch als Redaktionsteam eine Besonderheit: Während in der rauen Wirklichkeit einer gnadenlosen ORF-Hierarchie ("Management by Angst" war die heimliche Losung) bei "Verfehlungen" bestenfalls doch Gnade gewährt wurde, herrschte bei uns fast ebenso strenge Demokratie. Wollte Anton Pelinka eine Sendung zum besseren Verständnis italienischer Streikwut machen, dann wurde abgestimmt. Alle dafür? OK. Offene Psychiatrie, Aktionismus, Humaner Strafvollzug, Anti-Ärzte-Hierarchie, Sparschweinzertrümmerungen, Bundesheerabschaffung, Mao-Porträt … Wer dagegen? Nein? Passt.
Der "Chef" war ein sehr duldsamer Chef. Hubert Gaisbauer heute: "Ich war nie 'Chef', ich bin kein Anschaffer. Wir haben von Demokratie geredet, und die Dinge, von denen wir geredet haben, wollten wir nach Möglichkeit auch selber praktizieren. Ich musste allerdings schon oft meinen Schädel hinhalten. Für Anton Pelinka oder Werner Vogt, der den damaligen Staatssekretär Gruber einen 'Politischen Gammler' nannte. Oder der Franzi Heller, der scharenweise Leute beleidigte.
Ich kann mich übrigens nur an einen einzigen Fall erinnern, wo ich meine Autorität einsetzen musste. Als nämlich Wolfgang Schüssel, der ebenfalls kurz Mitglied der Jugendredaktion war, nach einem Interview mit Günther Nenning über das Volksbegehren zur Abschaffung des Bundesheeres die Spendenkontonummer ansagen wollte. Ich sagte: 'Das geht nicht!' Darauf er: Na, hallo, das ist Zensur!' Darauf ich: 'Nein, das ist verbotene Werbung …'"
Unsere Verachtung für das "Rest"-Programm war selbstverständlich nicht die volle von uns beanspruchte Wahrheit. Wir waren nicht gerecht. Wir wollten auch gar nicht gerecht sein. Wer, zum Kuckuck, war denn uns gegenüber gerecht? Es hat sich ja auch mehr um Ignorieren als Verachten gehandelt. Auch aus Notwehr. Denn unserem halben blinden Auge ist völlige Blindheit des Unternehmens uns gegenüber gestanden. Mit wenigen Ausnahmen …
Buch-Tipp
Alfred Treiber, "Ö1 gehört gehört - Die kommentierte Erfolgsgeschichte eines Radiosenders, Böhlau Verlag, Wien 2007
