Miriam Cahn

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Diagonal

"Was mich anschaut": Zur Person Miriam Cahn

Ihre Bilder scheuen nicht den bösen Blick, nicht die Brutalität, nicht den Körper. Ihre Malerei - ob mit Ölfarben, Kreide, Pastell, Kohle oder Aquarell - rückt die Geister, die von Krieg, Flucht, Sexualität, Verletzung erzählen, farbgewaltig, figurativ und unbestechlich ins Zentrum.

Die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, 1949 in Basel geboren, malt verstörende, expressive Sujets. Mit dem künstlerischen Selbstverständnis jüngerer Generationen teilt sie die Befragung der Identität. Sie versteht sich als Feministin, als Jüdin, als politischer Mensch. Wer sie kennenlernt, trifft auf eine listige Person, von kerniger Gesundheit, mit feixenden Augen und manchmal rüdem Benehmen. Eine Frau, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt.

Bilder von Miriam Cahn

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Politisiert in der Frauenbewegung der Siebziger Jahre, machte die heute vielfach ausgezeichnete, international renommierte Künstlerin, erst mit Mitte 40 Malerei zu ihrem wichtigsten Medium. Heute lebt Miram Cahn unweit von St. Moritz, in Stampa, in einem fast fensterlosen Gebäude, einer Raumschachtel aus Beton, schlicht, funktional und ohne Dekor, entworfen von dem Schweizer Architekten Armando Ruinelli. Cahn sucht weder urbane Dynamik und Energie noch Romantik und Ruhe der Natur, sie sucht das Rohe, Karge, Klare, Raue. Ihr Haus steht an der Durchzugsstraße, im Winter gibt es hier kaum Sonne. Im Gegensatz zum Bergdorf Soglio auf der sonnenverwöhnten Seite. Miriam Cahn ist oft da rauf gegangen, die Bewegung in der Landschaft, der Körper im Raum, das beschäftigt sie.

  • Gleich hinter Miriam Cahns Atelierhaus in Stampa rauscht ein Fluss, der sich durch das ganze Bergell-Tal zieht, bevor er im Comer-See mündet. Auf Italienisch heißt er Mera, im Bergeller Dialekt Maira.

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  • Der Palazzo Castelmur in Coltura bei Stampa wurde in einem Neo-Renaissance-Fantasiestil von im Ausland zu Reichtum gekommenen Bergeller Rückwanderern errichtet, als Zeugnis ihres sozialen Aufstiegs. Miriam Cahn zeigte hier 2021 die Ausstellung „Fremd das Fremde“.

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  • Das Tal ist flankiert von spektakulären Dreitausendern. So idyllisch der Sommer, so hart kann der Winter sein, wenn das Tal Monate lang keinen Sonneneinfall erlebt. Felsstürze, wie jener von Bondo 2017, stellen eine ständige Gefahr dar.

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  • Auf dem Wanderweg erhält man Ausblicke, die sowohl ob der Fernsicht als auch ob der Höhe schwindelerregend sind. Bis nach Italien sieht man von manchen Aussichtspunkten.

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  • Mit robusten Granitplatten konstruierte Treppen sind in die Steilhänge gesteckt: Zeugnisse historischer Wegrouten durch das Bergell, die immer noch funktionieren.

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  • Die „Schwelle zum Paradies“ nannte der Maler Giovanni Segantini das sonnenverwöhnte Bergdorf Soglio auf 1.090 Metern Seehöhe. Hier kommt her, wer die Sonne sucht, wenn es unten dunkel war.

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  • Das Ortsbild von Soglio mit den traditionellen Steinhäusern ist weitgehend intakt. Dezente bauliche Aktualisierungen hat der Architekt Armando Ruinelli, der in Soglio lebt und in Stampa Miriam Cahns Betonatelier baute, realisiert.

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  • Einen Abstecher wert ist die auf einem bewaldeten Hügel bei Stampa situierte Kirche San Pietro. Auf dem Friedhof sind zahlreiche Mitglieder alter lokaler Patrizierfamilien bestattet.

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Die 77-jährige Künstlerin von Weltrang besuchen wir in ihrem kargen Atelierhaus im Schweizer Bergell, um mit ihr über ihre Fleischeslust und die Affinität zu Plastik und Beton zu sprechen, über ihr Aufwachsen in einem künstlerisch-akademischen Haushalt, über Antisemitismus im Kulturbetrieb und ihr Selbstverständnis als Jüdin. Die markerschütternde Radikalität ihrer Kunstwerke, die kämpferische Vehemenz ihres Auftretens gegen Machismo und die männliche Dominanz im Kunstbetrieb, die rücksichtslose Wucht im Benennen von Missständen in der Gesellschaft, das scheint sie hinter sich gelassen zu haben. Sie habe keine Lust mehr, brutale Bilder zu malen, will nicht mehr das Bild der Kämpferin erfüllen, verrät Miriam Cahn.

Das Atelierhaus von Miriam Cahn.

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Gestaltung: Nicole Dietrich, Anna Soucek