Literarische Reisen ins Bewusstsein
Von Philosophie und Literatur
Über den Sinn des Lebens nachdenken ist nicht so einfach. Deshalb werden Bücher geschätzt, die einem normal arbeitenden Menschen beim Nachdenken helfen. Indem zum Beispiel eine Romanfigur die Antworten auf die brennenden Fragen des Lebens findet.
8. April 2017, 21:58
Das Paradebeispiel der philosophierenden Romane stammt aus Frankreich, und ich kenne niemanden, der dieses Buch nicht mehrfach gelesen hätte: "Der kleine Prinz". Mit der Geschichte des in unsere Welt gefallenen außerirdischen Kindes auf der Suche nach Freundschaft und Liebe hat Antoine de Saint-Exupéry die Herzen vieler Menschen berührt – nur seine Frau Consuelo, die Rose des Kleinen Prinzen, blieb kalt. Für sie bestand der Sinn ihres Lebens darin, bewunderter Mittelpunkt von Partys zu sein. Dass sich "Saint-Ex" 1943 entschloss, wieder auf der Seite der Alliierten in den Krieg zu ziehen, war ihr ziemlich egal, sie hatte genug mit sich selbst zu tun. Er hingegen setzte ihr ein zweites literarisches Denkmal, porträtierte sie als "schlafende Gattin" in seinem weniger bekannten Buch "Stadt in der Wüste", bevor er wieder zum aktiven Dienst als Flieger zugelassen wurde und am 31. Juli 1944 im Mittelmeer versank.
Die Kraft der Träume
Kaum weniger berühmt wurde der Brasilianer Paulo Coelho, dessen erster Roman "Der Alchemist. Folge Deinen Träumen" als der "kleine Prinz der 1990er Jahre" gelobt wurde und vielen Menschen Mut machte, mehr auf sich selbst und ihre Träume zu hören und sie vielleicht zu verwirklichen. "Die Kraft unserer Träume liegt darin", lässt er seine Verehrer per Internet wissen, "unsere Sicht der Dinge und damit auch der Welt zu verändern. Wenn genug Menschen einen bestimmten Traum haben, dann wird er am Ende Realität werden." Seit 1988, seit "Der Alchemist" in Brasilien veröffentlicht wurde, finden Leser Denkanstöße und Antworten zu den verschiedensten Lebensfragen in Coelhos Büchern. Sogar Madonna, Bill Clinton und der Fußballstar Ronaldo outen sich als Fans.
Magische Reisen
Während Coelho und Saint-Exupéry die Wüste als idealen Schauplatz zur Rückbesinnung auf sich selbst wählten, fühlte sich Sergio Bambaren zur Wasserwüste Ozean hingezogen, er war nämlich als Surfer auf der Suche nach der "perfekten Welle". In Portugal widerfuhr ihm zweierlei: Er fühlte sich eins mit der Welt, erfüllt vom tiefen Wissen um das Rätsel des Seins, und er schloss Freundschaft mit einem Delfin. Das inspirierte ihn zu "Der träumende Delfin. Eine magische Reise zu sich selbst", einer Art "Möwe Jonathan" in einem anderen Element. Nichtsdestotrotz sind seine Bücher, die natürlich die Schiene des "life-coachings" nicht verlassen, sehr poetisch und angenehm unaufdringlich.
Stationen der Selbsterkenntnis
Mit dem Roman "Das Lächeln der Erde" hat sich Ramón Villeró dem Kreis der philosophierenden Autoren angeschlossen. Er schickt einen jungen Beduinen namens Abdel Mansur auf die lebenslange Reise zu sich selbst. Die einzelnen Stationen zunehmender Selbsterkenntnis: die mythenumwobene Stadt Timbuktu, die Wüste Sahara, der quirlige Platz Djemaa el Fna in Marrakesch, das nicht wirklich fremdenfreundliche Marseille und eine Finca in Spanien. Aber Villeró lässt Abdel Mansur etwas mehr leisten als lediglich schön formulierte Lebensweisheiten abzusondern: Villeró benutzt die Figur, um Vergleiche zwischen den Kulturen, den Denk- und Lebensweisen anzustellen. Ein neuer Aspekt im Reigen der "Lebenssinn-Bücher".
Ramón Villeró ist noch aus einem anderen Grund erwähnenswert: Er stammt aus Andorra, ist also einer der wenigen echten Andorraner und stolz darauf, obwohl er 1989 seinen Beruf als Anwalt an den Nagel gehängt hatte, Schriftsteller und Reisejournalist wurde und auszog, um in der Weite der Welt seine Neugierde zu stillen. Den kleinen Staat in den östliche Pyrenäen hat er dennoch nie hinter sich gelassen, denn immer, wenn er sich nach Stille sehnt, zieht es ihn nach Andorra, wo er in die Berge geht.
Hör-Tipp
Terra incognita, Donnerstag, 11. Oktober 2007, 11:40 Uhr
Buch-Tipps
Ramón Villeró, "Das Lächeln der Erde", Rowohlt Verlag
Paul Webster, "Consuelo de Saint-Exupéry. Das Leben der Rose des 'Kleinen Prinzen'", List Verlag
Sergio Bambaren, "Der träumende Delfin. Eine magische Reise zu dir selbst", Kabel Verlag
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