Das Geschäft mit Kinderpatenschaften blüht
Die Paten aus dem reichen Norden
So genannte Patenschaften für Kinder in den Entwicklungsländern sind der häufigste Weg vieler Spendenorganisationen, Mittel zu lukrieren. Denn Paten sind besonders zuverlässige Spender. Sie halten ihrem Kind und der Organisation lange die Treue.
8. April 2017, 21:58
Emanuels Mutter ist gestorben. "An Gelbfieber", flüstert der Junge. Sein Vater nahm sich eine neue Frau, "mich mochte er nicht und hat mich immer geschlagen." Irgendwann hatte er die Schläge satt und lief davon. Sein Gesicht ist voller Narben. Monatelang lebte er ganz allein auf der Straße. Doch dann hatte er Glück und kam bei PROCS, der Organisation Protection, respect and opportunity for children on the street unter. Hier hat er einen glänzenden blau-roten Jogginganzug bekommen, wurde gewaschen und schläft in einem kleinen Haus.
Über vier Prozent der Äthiopier sind mit AIDS infiziert, mehr als die Hälfte davon Frauen. Wenn sie sterben lassen sie durchschnittlich fünf bis sechs Kinder zurück. Klar, dass so viele Kinder allein auf sich gestellt versuchen müssen, auf der Straße zu überleben. Rund 60.000 Straßenkindern leben in Addis Abeba, wird vermutet. Die Mitarbeiter von PROCS begeben sich auch in die entferntesten Winkel von Addis Abeba, um Kinder aufzustöbern, denen sie helfen können. Das PROCS-Waisenhaus ist ein Projekt des Kinderpatenschaftsprogramms der Caritas. Bei PROCS finden die Kinder ein neues Heim. Kinder wie Emanuel. Von der Caritas werden derzeit rund 14.000 Buben und Mädchen auf diese Weise gefördert.
World Vision dominiert den Markt
Ein erheblicher Teil der Spenden für die Entwicklungszusammenarbeit wird für so genannte Kinderpatenschaften geleistet. Mehr als 200.000 Paten gibt es inzwischen in Österreich, wird geschätzt. World Vision dominiert mit gut 10.600 Patenschaften den Kinderpatenschaftsmarkt. Über 1.800 Patenkinder unterstützt die Kindernothilfe. Bei World Vision zahlt ein Pate im Monat 30 Euro. Vergangenes Jahr zahlten World-Vision-Paten rund dreieinhalb Millionen Euro für ihre Kinder. Bei World Vision steigt in den vergangenen Jahren der Umsatz mit Patenschaftsbeiträgen kontinuierlich.
Auch bei der Kindernothilfe Österreich ist im vergangenen Jahr der Anteil der Patenschaftsbeiträge stark gestiegen. Sie machten mit fast 516.000 Euro etwa die Hälfte der Spenden aus. Wie viel die Österreicher insgesamt für Kinderpatenschaften spenden, kann Gerhard Bittner vom Österreichischen Institut für Spendenwesen nur schätzen.
Bei den meisten Organisationen, kommt die Spende eines Paten nicht mehr einem einzelnen Kind direkt zu, denn Anfang der 1980er Jahre kam man zu dem Schluss, dass Einzelkindförderungen unerfüllbare Erwartungen schüren würden und die Kinder von ihrem Umfeld ausgegrenzt werden. Viele Spendenorganisationen änderten ihr Patenschaftskonzept. Die Devise heute lautet: Statt Direktförderung Finanzierung von dauerhaften Entwicklungsprojekten in der Heimatregion des Kindes.
Chance auf ein sicheres Leben
Ob persönliche Zuordnung von Paten und Patenkindern sinnvoll ist, darüber gehen die Meinungen auseinander: Die Chance emotionaler Bindung spricht dafür, die Gefahr unerfüllbarer Hoffnungen dagegen. Das Beispiel in Äthiopien zeigt jedenfalls: Für einzelne Kinder bieten die Patenschaftsprogramme Chancen auf ein sicheres Leben, die sie sonst nicht hätten.
Hör-Tipp
Journal-Panorama, Montag, 22. Oktober 2009, 18:25 Uhr
Links
Österreichisches Institut für Spendenwesen
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Caritas - Kinderpatenschaften
World Vision
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Rettet das Kind
Kinderhorizonte
