Rudolf Taschner erklärt Phänomene

Mit ihm können Sie rechnen!

In seinen höchst vergnüglichen populärwissenschaftlichen Sachbüchern und als Initiator des "math.space" im Wiener MuseumsQuartier gelingt Taschner schier Unmögliches: die Welt der Zahlen auch für ein breites Publikum verständlich aufzubereiten.

Starre Zeit

Wir vergehen, nicht die Zeit

Da Erwachsene oft ein getrübtes Verhältnis zur Mathematik haben, sind Rudolf Taschner besonders die Kinder ein Anliegen. "Die Kinder sind immer wieder neu und die Kinder wollen immer wieder neu lernen", meint er. "Wir werden jetzt probieren, mit der Mathematik bei Kindern mehr Erfolg zu haben als vielleicht in früheren Generationen", so Taschner im "Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl.

Zahl

Schon Kinder erkennen, wenn sie Zahlenreihen aufzählen, dass diese Reihen eigentlich kein Ende haben. Sie merken, dass die Zahlen in etwas führen, "das man die Unendlichkeit nennt, was das eigentlich interessante Gebiet der Mathematik ist", meint Taschner, "denn die einzelne Zahl ist etwas Buchhalterisches, etwas für Finanzbeamte, die ist ein Fossil, aber ein Fossil, das auf etwas hinweist, auf das, was man den Zählprozess nennt."

In seinem Buch "Zahl Zeit Zufall" beginnt Taschner mit der Astronomie. Die Differentialrechnung, die vielen Gymnasiasten noch unangenehm in Erinnerung ist, zeigt Taschner als etwas Positives, das Sicherheit gibt, denn dank der Differentialrechnung, die eine Rechnung mit unendlich kleinen Dreiecken ist, können Planetenbahnen genau berechnen können, auch die Bahn von Meteoriten, die möglicherweise die Erde treffen könnten.

"Diese Rechnungen, dass man unendlich kleine Dreiecke aufblasen kann ins Endliche, das war wirklich eine der ganz gigantischen Leistungen der Geistesgeschichte", ist Taschner überzeugt.

Zeit

Der Zeit fühlen sich die Menschen einerseits ausgeliefert, andererseits wissen sie gar nicht, was Zeit ist. Aristoteles meinte, die Zeit erkenne man an der Bewegung, aber das ist ja nicht die Zeit selbst. "Die Zeit selbst ist weder färbig, noch schmeckt man sie, noch kann man sie greifen, noch kann man sie hören, sie ist irgendetwas Eigenartiges", ist sich Taschner bewusst. "In unserem Kopf ist uns die Vergangenheit gegenwärtig und in unserem Kopf ist uns die Zukunft gegenwärtig. Also die Vergegenwärtigung all dieser Zeiten, die macht eigentlich den Begriff der Zeit aus. Sie ist eigentlich eine Sache des Bewusstseins", erklärt er.

Zufall

Zufall, schreibt Taschner in seinem Buch, sei eine Erfindung des menschlichen Geistes. Die Annahme, jede Wirkung müsse eine Ursache haben, treffe nicht immer zu. Als Beispielt führt er den radioaktiven Zerfall an.

"Es gibt prinzipiell keinen Grund dafür, dass ein radioaktives Atom, das man gerade betrachtet, jetzt und gerade jetzt zerfällt, daher muss man sagen: Es zerfällt effektiv zufällig", erklärt Taschner. "Diesen Zerfall des radioaktiven Atoms bekommen wir aber trotzdem mit der Mathematik irgendwie in den Griff - nicht des einzelnen Atoms, aber von einem großen Ensemble vieler Atome. Da können wir nämlich die Wahrscheinlichkeitsrechnung anwenden und wissen, dass in einer bestimmten Zeit, der so genannten Halbwertszeit, die Hälfte dieser Atome zerfallen sein wird, und wenn man doppelt so lange wartet, ist nur mehr ein Viertel dieser Atome vorhanden. Das geht nach einem Gesetz, aber das Gesetz verlangt, dass die Atome nach dem Zufall zerfallen. Das heißt: Der Zufall ist die Bedingung dafür, dass ich diese Wahrscheinlichkeitsrechnung anwenden kann. Aber die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist eine Erfindung des Menschen und sie benötigt den Zufall, der Zufall muss daher auch eine Erfindung des Menschen sein, die er sozusagen in die Natur hineinsteckt, und die Natur ist so gütig und gehorcht bei gewissen Prozessen genau so, wie der Mansch sich vorstellt, dass sie gehorchen sollte."

Service

Buch Rudolf Taschner, "Zahl Zeit Zufall. Alles Erfindung?", Ecowin Verlag